Claudia Hollenstein-Humer leitet seit November 2021 den Nachhaltigkeitsbereich der Hirslanden-Gruppe.

«Wir werden Botschafterinnen und Botschafter aus den Kliniken ernennen»

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Claudia Hollenstein-Humer, Head of Sustainability & Health Affairs, erläutert, wie die Hirslanden-Gruppe ihre Nachhaltigkeitsprojekte umsetzt und die Mitarbeitenden dabei stärker involviert.

In der Schweiz entstehen im Jahr 80 bis 90 Millionen Tonnen Abfall. Ein beträchtlicher Teil stammt aus dem Gesundheitssektor. Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit für die Hirslanden-Gruppe?
Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Hirslanden-Gruppe ein absolutes Topthema, und wir nehmen es sehr ernst. Darum ist meine Stabsstelle auch direkt beim CEO der Gruppe angesiedelt, was auch zeigt, dass das Thema Nachhaltigkeit mit grossem Elan/Einsatz und auch mit viel Leidenschaft in der Hirslanden-Gruppe angegangen und bearbeitet wird.

Seit wann ist das schon so?
In unserer Gruppe mit 17 Kliniken bearbeiten einige Häuser das Thema schon seit vielen Jahren, beispielsweise im Bereich Biodiversität oder im Bereich Abfallrecycling. Zentralisiert und zu einem Hauptthema wurde es bei Hirslanden vor rund vier Jahren.

Wie ist Ihre Abteilung organisiert?
Ich habe einen direkten Mitarbeitenden und drei Mitarbeitende, die als Abteilungsleiter jeweils die Bereiche Umwelt, Soziales und Governance betreuen. Wir fünf bilden ein zentrales Komitee. Darüber hinaus gibt es zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern aus den 17 Kliniken eine Nachhaltigkeitsgruppe, die sich regelmässig zu verschiedenen Themen abstimmt.

Das heisst, Sie geben das vor, und die Kliniken haben das dann umzusetzen?
Das funktioniert bei uns gemeinsam im engen Dialog. Und es kommen sehr viele gute Ideen aus den Kliniken, die wir dann gemeinsam in der Nachhaltigkeitsgruppe diskutieren. Das ist ja das Schöne in der Gruppe, dass man erfolgreiche Projekte aus einer Klinik in den anderen ausrollen kann. Vom Corporate Office aus koordinieren wir das und unterstützen etwa dadurch, dass wir die gesamte Theorie und das Informationsmaterial zusammenstellen. Das muss nicht jede Klinik einzeln organisieren. Und in den Kliniken selbst gibt es auch Nachhaltigkeitsteams, die das Thema auf Spitalebene steuern und uns Rückmeldungen geben, etwa, wenn sie Erkenntnisse haben, die auch für andere Kliniken interessant sind und ausgerollt werden könnten. Dieses Wechselspiel funktioniert sehr gut.

Wie geht es weiter?
Wir haben schon viel erreicht im Bereich Nachhaltigkeit, nun werden wir die Organisationen jetzt neu mit Botschafterinnen und Botschafter aus den Kliniken ergänzen. Beispielsweise wird dann ein Kardiologe, der den Stromverbrauch seiner Geräte reduziert hat, dieses Knowhow als Botschafter an Kardiologen anderer Kliniken weitergeben. Wir sind davon überzeugt, dass es noch effektiver ist, wenn die Berufsgruppen sich untereinander direkt austauschen.

Was machen Sie noch?
Eine weitere Neuerung besteht darin, dass wir Porträts erstellen von Mitarbeitenden, die das ESG-Engagement auch im privaten Bereich leben. Beispielsweise haben wir eine Mitarbeitende, die sich ihre Haare wachsen lässt und dann immer 30 Zentimeter bei einem speziellen Frisör abschneiden lässt. Daraus werden dann Perücken für krebskranke Kinder gemacht. Oder eine andere Mitarbeiterin geht mit ihrem ausgebildeten Suchhund in Krisengebiete, um zu helfen. Es gibt sehr viele Personen innerhalb der Gruppe, die sich engagieren, und das wollen wir sichtbar machen und als Vorbilder vorstellen.

Wie werden die Themen umgesetzt?
Man muss hier verschiedene Ebenen unterscheiden: Konzern, Hirslanden-Corporate Office und die einzelnen Kliniken. Zum einen gibt es die Vorgaben unserer Muttergesellschaft MCI, beispielsweise die Ziele bezüglich CO2-Neutralität bis 2030 oder zur Abfallentsorgung. Diese Vorgaben müssen auf die einzelnen Kliniken runtergebrochen und umgesetzt werden. Das ist die Konzern-Ebene.

Und auf Ebene Hirslanden-Gruppe?
Über die Ziele des Konzerns hinaus definieren wir hier in der Schweiz jedes Jahr ein Schwerpunktthema, das dann wiederum über drei Jahre mit immer neuen Zielen bearbeitet wird.

Beispiel?
Ein Schwerpunkt im letzten Jahr war die Ernährung. Ein Ergebnis war, dass wir an zwei Tagen im Monat ausschliesslich vegetarisches Essen anbieten, um den Fleischkonsum zu reduzieren. In einem weiteren Schritt haben wir dann konkrete Massnahmen ergriffen, um Abfallmengen zu reduzieren, beispielsweise mit der Verminderung des Food Waste.

Was haben Sie konkret gemacht?
Wir messen mit einem dafür spezialisierten Gerät in den Kliniken den Essensabfall. Somit erhalten wir viel Kenntnis und sensibilisieren die Mitarbeitenden in der Küche. Ein gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Johnson & Johnson. Rund 30 Prozent der Abfälle in einem Spital stammen aus den Operationssälen. Um diese Menge zu reduzieren, werden gebrauchte, medizinische Instrumente recycelt und zurück in den Ressourcenkreislauf gebracht. Anstatt die Einweginstrumente einfach zu entsorgen, werden die hochwertigen Materialien wie medizinischer Stahl, Titan, Aluminium und Chromstahl nach der einmaligen Verwendung wieder nutzbar gemacht.

Läuft das schon in allen Kliniken?
Wir haben das Projekt Anfang letzten Jahres mit zwei Kliniken gestartet, inzwischen sind es fünf Kliniken, und schrittweise kommen weitere Kliniken hinzu.

Was ist das Thema für 2023?
Dieses Jahr kümmern wir uns um das Thema Plastikrecycling. Hier läuft gerade ein Pilotprojekt mit unserer Klinik in Aarau. Wir evaluieren aktuell, welche Anbieter infrage kommen, um unsere Plastikbestände wiederzuverwerten und wie wir Plastik insgesamt reduzieren können.

Stichwort Energie. Sie haben unzählige Gebäude in der Gruppe mit grossen Dachflächen. Nutzen Sie die bereits für Solar-Anlagen?
Energie ist sicherlich eines der wichtigsten Themen. Aber wir schauen sehr genau für jedes Gebäude und jede Klinik, was die sinnvollsten nächsten Schritte sind. Eine Gruppe von Kliniken etwa hat sich zum Ziel gesetzt, zukünftig mit Seewasser zu kühlen. Bei anderen Kliniken steht die Gebäudedämmung im Vordergrund. Aber bei unseren zwei Neubauprojekten kommen natürlich auch Solaranlagen aufs Dach, das ist eigentlich selbstverständlich.

Gibt es weitere Energieprojekte?
Wir haben ein spezielles Gremium, das Projekte im Energiebereich auf ihren Sinn beurteilt, ob sie den Kriterien entspricht und dann freigibt oder nicht. Beispielsweise wenn es um einen grösseren Beleuchtungsersatz geht, den  Wechsel zu Elektroautos oder den Einsatz von Wärmepumpen. Wir haben dafür ein Umweltbudget und haben im ersten Jahr über fünfzig Projekte freigegeben.

Was tun Sie im sozialen Bereich?
Aktuell gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich unterschiedliche Arbeitszeitmodelle ganz genau anschaut. Das war ein Wunsch, der von den Mitarbeitenden geäussert wurde. Andere Themen sind Gesundheitspräventionen oder auch unsere interne Learning-Plattform, auf der Mitarbeitende ihre Weiterbildungen absolvieren können. Ein aktuelles Thema ist auch die Erleichterung des Wiedereinstiegs in den Beruf.

Was sind die Themen bei den Arbeitszeitmodellen?
In diesem Projekt wird grundsätzlich in alle Richtung gedacht: Beispielsweise generell weniger arbeiten, neue Schichtpläne oder die Reduzierung von Leerzeiten.

Woran arbeiten Sie noch?
Wir haben kürzlich den Ethikkodex überarbeitet und erarbeiten gerade die Nachhaltigkeitsrichtlinien für unsere Lieferanten. Hier führen wir erste Gespräche, um die Partner für das Thema noch stärker zu sensibilisieren.

Haben Sie noch einen Ratschlag für andere Kliniken?
Ich möchte niemandem Ratschläge erteilen, das steht mir nicht zu. Aber ich bin davon überzeugt, dass es für einen grundsätzlichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit entscheidend ist, dass jede Person beginnt, selbst etwas zu verändern. Das versuchen wir zu fördern, indem wir immer wieder Themen anbieten wollen, bei denen die Mitarbeitenden selbst mit anpacken können. Beispielsweise einen Rasen in eine wilde Blumenwiese zu verwandeln. Oder auf einem Dach wie eine Solargenossenschaft selbst Solarpanels zu planen und anzuschliessen. Das weckt das Miteinander und das Gefühl, gemeinsam etwas Gutes getan zu haben. Ich glaube, das ist sehr wichtig, um die  Entwicklung auch für andere Themen voranzutreiben.