Coronakrise – das Gesundheitswesen im Stresstest

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«Den Gesundheitspolitikern mit dem Kostenröhrenblick wird eine steifer Gegenwind entgegenblasen», so Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte beim Internetvergleichsdienst comparis.ch. Seine Analyse exklusiv für Heime & Spitäler.

Im Moment sind die Spitäler und die Praxen der Ärzte und Therapeuten aus drei Gründen fast leer:

  • weil der Bundesrat nicht dringende Untersuchungen und Eingriffe bis am 27.4. verboten hatte;
  • weil die Patienten Angst haben, in medizinischen Einrichtungen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden
  • weil es seit dem Lockdown weniger Berufs-, Verkehrs- und Sportunfälle gibt.

Positiv ist, dass die Intensivstationen für Coronapatienten auch nicht ausgelastet sind. Die Coronapatienten verursachen zwar Zusatzkosten. Der grosse Anteil sind Kosten für den Aufbau der zusätzlichen Kapazitäten. Diese Vorhalteleistungen werden weder in den ambulanten, noch in den stationären Tarifen abgebildet und müssen wohl von den Kantonen finanziert werden, da fast nur öffentliche Spitäler Coronapatienten behandeln. Und von dem, was die Spitäler für die Behandlung der Coronapatienten abrechnen, bezahlen die Kantone 55 und die Krankenkassen 45 Prozent.

Zwei gegenläufige Effekte
Der Bundesrat hat also aus Vorsicht etwas übers Ziel hinausgeschossen und ein grosses Feldexperiment in Sachen medizinische Über- bzw. Unterversorgung geschaffen, das nun vom Obsan ausgewertet werden sollte. Ich sehe zwei Effekte:

  • Das Verbot für nicht dringliche Untersuchungen und Operationen und die Ansteckungsangst der Menschen führt in der zweiten Hälfte zu einem Nachholbedarf und Kostenschub, weil die verschleppten Diagnosen und Behandlungen nun nachgeholt werden und viel teurer sein werden, als wenn die Menschen rechtzeitig zum Arzt oder ins Spital gegangen wären.
  • Das Verbot zeigt, wie viel unn.tige Medizin vor dem Verbot konsumiert wurde. Und die Menschen machen in der Coronakrise gute Erfahrungen, wenn sie nicht mit jedem Bobo zum Arzt oder in den Spitalnotfall rennen. 

Wenn der Effekt B stärker ist als A, werden die Kosten im laufenden Jahr weniger stark steigen als im Vorjahr und die Krankenkassenprämien steigen 2020/2021 nach 2019/2020 zum zweiten Mal seit der Einführung des KVG 1996 praktisch nicht. Falls es entgegen meiner Prognose im laufenden Jahr trotzdem zu einer grösseren Kostensteigerung kommen sollte als im Vorjahr, weil in der zweiten Welle sehr viele Coronapatienten die Kapazitäten an den Anschlag bringen, haben die Krankenkassen über acht Milliarden Franken Reserven, um diesen einmaligen Kostenschub zu decken. Damit solche Einmaleffekte nicht voll auf die Prämien durchschlagen, sind Reserven ja da. Wenn der oben beschriebene Effekt B stärker ist als A könnten die Kosten trotz Corona insgesamt sogar sinken.

Ein happiges Staatsversagen
Wir wissen immer noch relativ wenig, wie sich das Coronavirus (SARS-Cov-2) verbreitet. Die Infektionen werden leider schweizweit immer noch nicht stetig und einheitlich an Teststichproben gemessen. Deshalb wissen wir immer noch nicht, wie viele Menschen in der Schweiz das Coronavirus haben oder schon hatten. Wir wissen auch nicht, wie viele Menschen schon Antikörper haben und immun sind bzw. wie lange die Immunität hält. Angesichts der dünnen Datenlage und der dramatischen Situation in Norditalien musste man sogar befürchten, dass eine Verdopplung der Kapazit.ten für Coronapatienten vielleicht nicht genügen könnte. Dass die Kapazit.ten bis jetzt noch nicht ausgelastet sind, ist also positiv zu bewerten. 
Dass wir trotz Epidemiengesetz, trotz Pandemieplan und trotz Bericht Zeltner so schlecht auf eine Pandemie wie COVID-19 vorbereitet sind, ist eigentlich ein happiges Staatsversagen. Jetzt müssen wir aber zuerst einmal die Krise mit vereinten Kräften überstehen. Die Lehren müssen wir ziehen, wenn die Krise vorbei ist. Das Konkordanzsystem wird auch nach dieser Krise selbst bei schwerwiegenden Versäumnissen nicht dazu führen, dass der Gesundheitsminister den Hut nehmen wird. Und Bauernopfer wird es hoffentlich keine geben. Wir werden uns vielmehr auf die Schultern klopfen und sagen, dass wir die Krise mit weniger Schaden als andere Länder überstanden haben. Den Gesundheitspolitikern mit dem Kostenröhrenblick wird ein steifer Gegenwind entgegenblasen. Weil die Kantone die Behandlung der Coronapatienten primär öffentlichen Spitälern übertragen haben, wird die Linke die Jagd auf die Privatspitäler wohl in der Westschweiz eröffnen.

Jede Krise ist anders
Ich hoffe, dass nach der Coronakrise nicht Ideologien die Gesundheitspolitik noch stärker prägen werden, sondern weiterhin der typisch Schweizer Pragmatismus auf der KVG-Basis mit Eigenverantwortung und Solidarität sowie staatlichen und privaten Gesundheitsinstitutionen im Gleichgewicht. Wer glaubt, sich mit mehr Staat für die nächste Krise rüsten zu müssen, irrt sich ebenso wie jene, die auf mehr Markt setzen. Die nächste Krise wird fast sicher eine andere sein. Deshalb muss Agilität die Kernkompetenz der Krisenstäbe sein, damit man rasch lernt und Fehler schnell korrigiert.
Und immer, wenn die Versorgungssicherheit gefährdet ist, blüht das Geschäft der Protektionisten. Die Land- und Stromwirtschaft macht es vor. Auch die Gesundheitswirtschaft wird die Rechnung für mehr Produktion im Inland präsentieren. Aber machen wir uns in der globalisierten Welt nichts vor. Wir hatten am Anfang der Coronakrise zu wenig Testkapazitäten, weil ein Teil des Testmaterials ausgerechnet aus Norditalien hätte geliefert werden sollen und nicht etwa aus China oder Indien wie viel Wirkstoffe in unseren Medikamenten. Und da wir die nächste Krise nicht genau hervorsagen können, wissen wir auch noch nicht, welche Vorräte wir jetzt anlegen müssen. Und Vorräte für alle Eventualitäten kann sich auch die reiche Schweiz nicht leisten, erst recht nicht, wenn sie nach der Coronakrise etwas ärmer sein wird.

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Bezugsquellenverzeichnis