Im See des Seniorenzentrums Rigahaus schwimmt Max, ein Stör. Die Attraktion für die Kinder von umliegenden Kitas und Kindergärten.

Die beiden Macher aus dem Rigahaus: Marcel Kunz, Leiter der Gastronomie (links), und Geschäftsleiter Sandro Ursch.

Mehr Hotel als Seniorenzentrum

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Wer das Rigahaus in Chur betritt, hat den Eindruck, er stehe in der Lobby eines Vier-Sterne-Hotels. Mit vielen klugen Ideen wurde für die Bewohnenden ein besonderes Seniorenzentrum geschaffen, das gleichzeitig als lebhaftes Ökosystem mit der Stadt Chur vernetzt ist.

Das Seniorenzentrum Rigahaus in Chur liegt mitten in der Stadt. Vom Bahnhof sind es zu Fuss nur sieben Minuten, so zeigt es mir Google Maps an, als ich an dem kühlen Herbstmorgen vom Bahnhof losgehe. Die Luft hier riecht schon wie sonst nur in den Bergen, klar und frisch, und die Sonne wärmt sogar ein bisschen. Ich freue mich auf das Treffen; zusammen mit unserem langjährigen Autoren Frank Forster will ich mir die Umstellung in der Gastronomie anschauen und die dortigen Verantwortlichen des Projektes treffen: den Geschäftsleiter Sandro Ursch und den Leiter der Gastronomie Marcel Kunz. Forster ist ein anerkannter Spezialist für die Prozessoptimierung in Grossküchen, und er hat dem Rigahaus geholfen, die gesamten Abläufe inklusive Menüplanung und Geräteausrüstung umzustellen. Wenn Forster mit seiner liebenswürdigen und hemdsärmligen Art Projekte übernimmt, bleibt häufig kein Stein auf dem anderen. Das ist immer interessant, daher bin ich neugierig, was mich erwartet, aber natürlich es ist auch Business as usual. Wir hatten schon häufiger solche Termine. Rund eine Stunde habe ich eingeplant, dann soll es zurück nach Glarus gehen. So dachte ich zumindest. Es sollte anders kommen.

Am Anfang war ein Zuckerbäcker
Ende des 18. Jahrhunderts zog es viele junge Bündner Zuckerbäcker in die Ferne. So auch Johann Caviezel-Piccoli, der 1796 in Riga eine ebenfalls schon von Bündnern gegründete Konditorei übernahm und dort sehr viel Geld verdiente. Aus seinem Vermögen erwarb er in seiner Heimat Chur 1805 ein grosses Haus als Alterssitz und nannte es «Zur Stadt Riga». Es ist das heutige Gebäude Rigahaus an der Masanserstrasse. Viele Jahre später erwarb ein Churer Geschäftsmann, der im Nahen Osten tätig war, das Gebäude und gründete 1924 eine Stiftung zum Betrieb eines Altersheims. Nach ihm ist die C.L. Allemann-Stiftung benannt, der das heutige Seniorenzentrum Rigahaus gehört. In der Folge wurden zusätzliche Gebäude hinzugenommen und erbaut, sodass sich heute das «Seniorenzentrum Rigahaus» mit sechs Gebäuden präsentiert. In einem nachhaltig bewirtschafteten Naturpark mitten in der Stadt Chur werden 99 Alterswohnungen angeboten und 70 moderne  flegezimmer betrieben; auch eine Demenzstation gehört dazu. Rund 110 Mitarbeitende arbeiten in der Pflege und Betreuung.

Bibliothek und Havanna-Bar
Als ich das Gebäude betrete, habe ich für einen Moment das Gefühl, ich habe mich im Ort geirrt. Denn ich stehe in einer Lobby wie in einem Hotel. Eine geschmackvolle, helle und moderne Holzeinrichtung empfängt mich. Ein paar Gäste sitzen bei einem Kaffee neben einer Bar. Der Blick geht durch das Gebäude in einen lichten, grünen Innenhof. Aber ich habe mich nicht getäuscht, denn Frank Forster steht plötzlich vor mir und führt mich an einen der Café-Tische. Unvermittelt steht eine Kellnerin neben mir, und ich gebe meinen Kaffeewunsch auf. Schwarz, ohne Milch und Zucker bitte. Bin ich wirklich in einem Seniorenheim?
Als sich wenig später Sandro Ursch und Marcel Kunz zu uns setzen, lichtet sich langsam der Nebel in meinen grauen Zellen, und ich beginne, das ungewohnte Umfeld Schritt für Schritt zu verstehen. «Das Rigahaus steht unter dem Motto: ‹Ankommen und zu Hause sein, im Herzen von Chur› », erläutert mir Ursch. Gut, dieses Motto könnte sich auch jedes andere Seniorenzentrum auf die Fahne schreiben. Aber in den folgenden knapp drei Stunden erläutern mir Ursch und Kunz konkret, wie sie dieses Motto täglich mit Leben füllen. «Es sind viele Kleinigkeiten, die dazu führen, dass Menschen sich hier wohlfühlen», so Ursch. «Nur ein Beispiel: Die Musikboxen in unseren öffentlichen Räumen können mit der Musikanlage individuell angesteuert werden. Das Konzept hier in der Halle und dem angrenzenden Kaminzimmer ist, dass nur leise Lounge-Musik gespielt wird, die Menschen sollen sich von der Musik nicht belästigt fühlen.» Erst als er es sagt, fällt mir auf,  dass berhaupt Musik läuft. «Und in der Havanna-Lounge dort drüben», er zeigt auf einen Bereich zu unserer Rechten, «läuft ausschliesslich Latino-Musik. Es ist unser Raucherzimmer. Die Raucher sollen das Gefühl haben, als sässen sie in einer Bar im Hafen von Havanna.» Die Raucher-Lounge ist mit grossen Bildern mit Motiven aus Kuba dekoriert, es gibt Zigarrenkisten, aus denen man Zigarren erwerben kann und eine versiegelte Rumflasche (die allerdings mit Schwarztee gefüllt ist. Sicher ist sicher.). Der Clou: Es riecht nach Kaffee. «Die Kaffeebohnen binden den Rauch und so riecht es hier wie in einer Beiz in Havanna», so Ursch und ergänzt: «Wir sind keine Gesundheitspolizisten. Ankommen und zu Hause sein ist das  Motto. Die Menschen, die hierherkommen, haben ein neues Zuhause gefunden, und zu Hause raucht man ja auch. In den letzten Jahren des Lebens soll man auch noch geniessen können – also, kein Heim als vielmehr ein Daheim.»
Gastrochef Kunz ergänzt: «Zu den Kleinigkeiten gehört, dass wir so individuell wie möglich auf die Wünsche unserer Gäste eingehen. Wenn eine Bewohnerin von ihrer Enkelin ein Glas Konfitüre geschenkt bekommt, dann bringen wir ihr jeden Morgen diese Konfitüre zum Frühstück. Und Herr Oliva trinkt sein Bier nun mal besonders gerne aus einem Bierkrug. Also bekommt er es in seinem Krug serviert. Viele haben ihre individuellen Kaffeetassen. Das ist kein Problem für unseren Service.»
Laut Ursch definiere man sich nicht als Altersheim. Menschen würden immer älter und blieben fitter bis ins hohe Alter. Daher kämen die Gäste mittlerweile viel später zu ihnen und in einer höheren Pflegestufe. Das führe beispielsweise dazu, dass weniger Gäste in den Essenssaal kommen. «Damit sie sich nicht vereinsamt fühlen in dem grossen Speisesaal, bemühen wir uns jetzt, viel mehr externe Gäste hereinzubringen. Das gelingt uns schon ganz gut», so Kunz. Neulich hatte Ursch ein Foto von drei Bewohnenden beim «Zmorgä» im Intranet gepostet. Mit dem Zitat: «Frühstück wie bei Tiffanys, nur schöner.» Da ist was dran. Das neue Gastronomiekonzept sieht zwei Bereiche vor: Zum einen ist da der grosse Speisesaal. Er funktioniert wie ein gehobenes Restaurant mit Tischtuch und feinem Geschirr und auch Weingläsern. Ein professioneller Weinkühlschrank, gut gefüllt, steht sichtbar an der Wand. Zum andern der «junge» Bar- und Cafébereich, wo es viel lockerer zugeht. «Zu uns kommen auch Studentinnen und Studenten aus der Stadt, unter anderem, weil sie wissen, dass wir hier jede Woche ein anderes veganes Sandwich anbieten», erläutert Ursch.
Kunz hat vor zwei Jahren im Seniorenzentrum angefangen. «Damals war der Speisesaal bis 11.30 Uhr geschlossen. Die Bewohnenden mussten vor der Glastür warten. Dann hat man aufgemacht, die Gäste haben sich gesetzt, und dann hat man alle Rollatoren rausgeschoben. Damit nimmt man den Leuten die Mobilität, der ein oder andere muss schliesslich ab und zu mal raus. Wir wissen doch, wie das ist», so Kunz. Ursch und Kunz haben das komplett geändert. Die Türen des Restaurants sind durchgehend geöffnet, und alle können das «Menü traditionell », «Menü vegetarisch» oder den Wochenhit wählen. Und jeder Montag ist zusätzlich ganz vegetarisch, vom Frühstück bis zum Abendessen. Essen nach dem Lustprinzip. Die Gäste können nun auch den Rollator am Tisch stehen lassen. «Dadurch sind alle viel ruhiger geworden, die Menschen behalten ihre Selbstständigkeit», sagt Kunz. Weitere neue Kleinigkeiten findet man auf den Tischen. Bei der Pfeffermühle sieht man erst auf den zweiten Blick, wie sie zu bedienen ist, und es stehen zwei verschiedene Salatsaucen auf den Tischen, die mit weissen Tischtüchern fein gedeckt sind. «Das gehört alles mit zur gewollten Aktivierung», sagt Ursch.

Betreutes Wohnen
Neben der Gastronomie und dem Pflegebereich sind die 99 Wohnungen der dritte Geschäftsbereich des Seniorenzentrums. Dort leben rund 150 Mieterinnen und Mieter. Die Mieter haben die Auswahl unter drei Service-Paketen mit Preisen von 220 bis 660 Franken im Monat beim teuersten Paket als Paar. Auf der höchsten Servicestufe gehört es dazu, dass man seinen Müllsack einfach vor die Tür stellen kann oder dass auf Wunsch morgens ein Anruf von der Zentrale erfolgt und einen guten Morgen wünscht. Das natürlich gleichzeitig ein Check, ob auch alles in Ordnung ist – in erster Linie als Beruhigung für die Angehörigen. Alle Mieterinnen und Mieter erhalten beim Einzug einen Brotsack mit aufgedrucktem Namen. Wenn sie den am Freitagnachmittag im Restaurant abgeben, können sie ihn am Sonntagmorgen mit einem frischen, warmen Zopf wieder abholen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Serviceangeboten für alle Bewohnenden des Seniorenzentrums. Eine Coiffeuse, eine Fusspflegerin und auch eine Physiotherapiepraxis, die auf ältere Menschen spezialisiert ist, alles quasi als Shop im Shop konzipiert. Regelmässig kommen eine Podologin und eine Dentalhygienikerin ins Haus. In den Gebäuden des Rigahauses hat man für eine günstige Miete eine Arztpraxis einquartiert, die im Gegenzug zur Mieterleichterung verpflichtet ist, alle Bewohnenden zu behandeln.

Naturpark mit See und Stör
Das Rigahaus mit seinen sechs Gebäuden ist umgeben von einem Naturpark, den die nationale Stiftung «Natur + Wirtschaft» zertifiziert hat. Zudem gibt es einen extra angelegten See, in dem ein ausgewachsener Stör, man hat ihn Max genannt,  beheimatet ist. Das ist eine Riesenattraktion für die umliegenden Kindergärten. «Wöchentlich kommen hier die Kinder von drei bis vier Kindergärten vorbei, die sich Max anschauen wollen», sagt Ursch. Die Rasenflächen werden nur zweimal im Jahr geschnitten, das ist laut der Zertifizierung so vorgeschrieben, es gibt Lehrtafeln zur Natur, ein Igel- und Bienenhotel, Obstbäume und viele Gartenkräuter, die von den Bewohnenden verwendet werden können. Der Baum- und Strauchbestand besteht zu über 80 Prozent aus einheimischen Arten, damit die Vögel und Insekten auch etwas zu fressen finden, das ihren Bedürfnissen entspricht. Geschäftsleiter Ursch und Gastrochef Kunz bringen so viel Leben wie möglich in die Anlage. «Im Frühjahr hatten wir die erste Rigahaus-Ostereier-Rally in unserer Parkanlage. Wir haben alle Kitas und Kindergärten angeschrieben und angeboten, auf unserem verkehrsfreien und geschützten Areal Ostereier zu verstecken. Das war ein Geschrei, und es  ab  viel Gelächter hier für mehrere Tage. Die Mieterinnen und Mieter haben sich von den Balkonen das bunte Treiben angeschaut und hatten ihren Spass.» Zukünftig will man auch Schulen anbieten, ihre Lehrwochen hier zu absolvieren.

Hochzeiten und Tagungen
Ein weiterer Geschäftsbereich für das Seniorenzentrum ist die Vermietung der Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Die modern ausgestatteten Konferenzräume beispielsweise werden von Treuhandbüros für ihre Strategiesitzungen genutzt. Auch  Hochzeiten werden auf dem Areal gefeiert. Mit einer Kutsche kann man um den See fahren, und der hölzerne Pavillon am See ist für Apéros und Grillabende ideal. Für Vereine stellt das Zentrum die Räumlichkeiten auch schon mal kostenlos zur  Verfügung. So wird die Gastronomie besser ausgelastet, und man vernetzt sich mit der Stadt. «Eine Wohnung oder ein Zimmer im Seniorenzentrum Rigahaus soll mehr bieten als nur Wohnen. Wir holen Leben ins Zentrum und wollen uns so gut wie möglich mit der Stadt vernetzen», so Ursch.
Als ich am Nachmittag, zurück im Verlag in Glarus, unserer Geschäftsführerin über den Weg laufe, erzähle ich ihr begeistert von dem Besuch. Sie nickt nur und sagt: «Klar, das Rigahaus! Das kenne ich, da habe ich mit meinem Frauen- Businessclub im letzten Monat den Jahresanlass organisiert.»