Herr Jordi, die EQK ist nun seit fünf Jahren im Einsatz. Wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken: Was waren die grössten Meilensteine, und wo steht die Kommission heute im Gefüge des Schweizer Gesundheitswesens?
Michael Jordi: Die Kommission musste sich Platz am Tisch hart erkämpfen. Der Start mitten in der Pandemie war alles andere als ideal, aber rückblickend hat er uns vielleicht auch die Relevanz von systemischer Qualität vor Augen geführt. Inzwischen^sind die Prozesse eingespielt. Die EQK hat alle rechtlichen Hürden für die Vergabe von Finanzhilfen und Programmen genommen. Bisher wurden 35 Finanzhilfen für innovative Projekte zugesprochen – wir reden hier von einem Volumen von etwa 12 Millionen Franken. Wichtiger als die Zahlen ist jedoch die Struktur: Wir haben rund zehn nationale Programme lanciert. Aber ich sage es ganz offen: Wir sitzen als Kommission mit unseren 15 Expertinnen und Experten mit unterschiedlichen Hintergründen nicht am eigentlichen Hebel.
Wer sitzt denn am Hebel?
Das sind vor allem die Leistungserbringer. Wir sind die Impulsgeber. Haben die ausgelösten Projekte die Qualität schon messbar verbessert? In Bereichen wie der Chirurgie oder bei Sepsis-Protokollen sicher ja. Aber Qualität ist wie Prävention: Man sieht den Erfolg oft erst zeitverzögert nach den eingeleiteten Massnahmen.
Sie erwähnten das Programm zur Sepsis. Können Sie uns dieses und andere Schwerpunkte näher erläutern?
Das Sepsis-Programm ist ein Paradebeispiel für Kooperation. Es wurde einem Konsortium aus dem Kinderspital Zürich und der Inselgruppe und dem CHUV in Lausanne übertragen. Ziel ist es, septische Infektionen – eine oft unterschätzte Todesursache in Institutionen – drastisch zu reduzieren, früher zu erkennen und die Behandlung standardisiert zu verbessern. Ein weiteres zentrales Feld ist die «Sichere Chirurgie». Hier geht es um weit mehr als nur darum, einen Checklisten-Zettel im OP aufzuhängen. Wir prüfen im Rahmen eines Projekts den «Doppelcheck»: Wird die Checkliste wirklich gelebt oder nur pro forma abgehakt? Und in der Langzeitpflege wissen wir, dass viele Heimbewohner einer übermässigen Polymedikation ausgesetzt sind – oft erhalten sie zwischen acht und 15 verschiedene Medikamente. Medikationsreviews und Medikationsabgleiche an Schnittstellen haben das Potenzial, Medikationsfehler und damit unerwünschte Arzneimittelereignisse zu reduzieren und Übertherapien zu korrigieren. Das ist unmittelbare Lebensqualität.
Ein grosses Thema sind die gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätsverträge zwischen Leistungserbringern und Versicherern. Hier scheint es massiv zu stocken. Warum?
Das ist in der Tat ernüchternd. Bis im Frühjahr 2022 hätten diese Verträge für alle Leistungsbereiche – von der Ärzteschaft über die Physiotherapie bis hin zur Spitex – stehen müssen. Aktuell gibt es jedoch nur einen einzigen vom Bundesrat genehmigten Vertrag, nämlich jenen zwischen den Spitälern und den Versicherern.
Woran liegt das?
Wir befinden uns hier in einem klassischen Interessenkonflikt. Einerseits besteht seitens Leistungserbringer eine gewisse Sorge vor Transparenz und oberflächlichen Vergleichen. Zudem fragen die Leistungserbringer: «Wer bezahlt uns den Aufwand für die vereinbarten Massnahmen und die Dokumentation? ». Während die Versicherer darauf beharren, dass Qualität eine Grundvoraussetzung der Leistung sei, die bereits im Tarif abgegolten sei. In der Schweiz setzen wir extrem stark auf das Vertragsprinzip und den Konsens. Das hat viele Vorteile, aber der Preis ist eine enorme zeitliche Verzögerung. Viele Akteure kochen immer noch ihre eigene Suppe, was die Fortschritte für mehr Qualität erschwert.
Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten: Was hätten Sie sich bei der Gründung der EQK anders gewünscht?
Ich hätte mir mehr Mut zu griffigeren Kompetenzen gewünscht. In England gibt es beispielsweise das NICE (National Institute for Health and Care Excellence). Das ist ein Institut, das evidenzbasierte Standards entwickelt und diese auch direkt implementieren kann – mit echter Aufsichtsgewalt. In der Schweiz wurde ein solches Modell, das man fast mit der Rechtsstellung der Swissmedic vergleichen könnte, von fast allen Akteuren abgelehnt. Man wollte keinen «Durchgriff» des Bundes. Die Konsequenz ist, dass wir als Kommission nur Empfehlungen abgeben können. Diese werden erst dann verbindlich, wenn sie in die Qualitätsverträge einfliessen, die wiederum vom Bundesrat genehmigt werden müssen. Das ist ein sehr helvetischer, sehr langsamer Weg.
Gibt es denn internationale Vorbilder, von denen wir lernen können, ohne unser System komplett über Bord zu werfen?
Es ist nicht ein Land, das in allem sehr gut ist, verschiedene Länder haben unterschiedliche Stärken. England ist ein Vorbild für Standards und externe Aufsicht. Schweden und Dänemark sind bei den Qualitätsregistern und dem kontinuierlichen Lernen führend. Wenn es um national koordiniertes Qualitätsmanagement geht, ist Australien für mich das Mass der Dinge. Und für klinische Audits lohnt sich ein Blick in die Niederlande.
Sehen Sie Chancen, ähnliche Standards in der Schweiz zu etablieren?
Wir müssen diese Ansätze helvetisieren, sie müssen auch in unseren Rechtsgrundlagen und in der Qualitätsdiskussion der verschiedenen Akteure Eingang finden. Das Wissen fliesst bereits durch Austausch an Kongressen und Studienreisen ein, aber die Umsetzung in die hiesige Gesetzgebung ist die eigentliche Knochenarbeit.
Oft wird kritisiert, dass Qualitätsmanagement nur zu noch mehr Bürokratie und Dokumentationsaufwand führt. Was sagen Sie dem Pflegepersonal in den Heimen und Spitälern?
Unser Credo bei der EQK lautet: So viele Routinedaten wie möglich nutzen, so wenige zusätzliche Erhebungen wie nötig. Wir wollen das Personal nicht mit Doppelspurigkeiten belasten. Aber man muss ehrlich sein: In einem System, das im internationalen Vergleich teuer ist und jährlich fast 100 Milliarden Franken bewegt, müssen wir wissen, welche Qualität die Leistungen haben.
Welches Feedback erhalten Sie aus den Institutionen?
Interessanterweise ist die Akzeptanz beim Personal sofort da, wenn man den Nutzen aufzeigt. Wenn die Dokumentation in einem Pflegeheim dazu führt, dass Stürze vermieden werden oder die Pflegequalität für die Angehörigen sichtbar wird, dann wird das nicht als Last empfunden. Widerstand entsteht dort, wo der Sinn nicht eingesehen wird. Qualität ist professioneller Stolz, keine Schikane.
Ein grosses Hindernis für die Qualität scheint die schleppende Digitalisierung zu sein. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Dass das Elektronische Patientendossier (EPD) noch immer nicht «fliegt», ist ein gravierendes Problem. Ich habe selbst ein EPD, aber meine Ärzte füllen es nicht ab. Ich trage meine Daten selbst ein – das ist doch absurd! Wir können im 21. Jahrhundert nicht auf dem Niveau von Papier und isolierten Dateninseln einzelner Akteure verharren, wenn wir Patientensicherheit ernst meinen. Ich setze grosse Hoffnung in das Projekt «DigiSanté» des Bundes, bei dem ich auch im Branchengremium mitwirke. Wir brauchen eine Daten-Austauschphilosophie, die den Nutzen für den Patienten ins Zentrum stellt und nicht die Angst vor dem System.
Wie sieht es mit der Rolle der Patienten aus? Stichwort «Patient Empowerment».
Das ist einer unserer wichtigsten Pfeiler. Wir haben mehrere Projekte zum «Patient and Public Involvement » (PPI) gestartet. Es geht darum, Betroffene und Angehörige systematisch in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Unter anderem baut die Patientenorganisation SPO zusammen mit Partnern eine wichtige PPI-Plattform auf. Ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: Meine Schwiegermutter wusste über das Krankheitsbild ihres Ehemanns oft besser Bescheid als jeder Fachspezialist, der ihn nur kurz sah. Sie wusste, welche Pflege bei ihm als Querschnittgelähmtem nötig ist und wie mit seinen Verdauungsproblemen umzugehen ist. Dieses Wissen müssen wir anzapfen. Wir fördern aber auch standardisierte Patientenbefragungen – sogenannte PROMs (Patient-Reported Outcome Measures) und PREMs (Patient-Reported Experience Measures), um Patienteneinschätzungen systematisch in die Behandlungsprozesse und die Evaluation einfliessen zu lassen.
Zum Abschluss: Wo steht das Schweizer Gesundheitswesen in zehn Jahren, wenn Ihre Wünsche in Erfüllung gehen?
Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren nicht mehr über die Notwendigkeit von Qualitätsverträgen diskutieren, sondern dass diese längst etablierter Standard sind. Ich wünsche mir massive Fortschritte in der Medikationssicherheit und auch bei der Indikationsqualität ». Das bedeutet: Wir müssen sicherstellen, dass aufgrund einer Diagnose auch wirklich die sinnvollste Therapie gewählt wird.
Zudem muss die Qualitätskultur in den Spitalleitungen ankommen. Heute gibt es oft motivierte Qualitätsverantwortliche, die aber von der Geschäftsleitung ausgebremst werden, weil dort die Finanzen wesentlich stärker gewichtet werden. Qualität und Finanzen müssen eine Einheit bilden. Nur ein qualitativ hochwertiges System ist langfristig auch ein finanzierbares System.
Die EQK in Zahlen und Fakten
Zusammensetzung: Die Kommission besteht aus 15 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens.
Sekretariat: Die operative Arbeit wird von einem äusserst schlanken Team (400 Stellenprozente: 4 Projektverantwortliche, 1 Administrativkraft) bewältigt.
Finanzierung: Jährlich werden rund 10 Millionen Franken für innovative Projekte (Finanzhilfen) und langfristige Programme bereitgestellt. Die Finanzierung erfolgt je zu einem Drittel durch Bund, Kantone und Krankenversicherer.
Fokus 2026: Medikationssicherheit, Qualitätsverbesserung in der Physiotherapie, Spitex-Qualitätsstandards und der Ausbau der nationalen Qualitätsplattform.
Zur Person
Michael Jordi gilt als einer der versiertesten Kenner der Schweizer Gesundheitspolitik. Seit Jahrzehnten bewegt er sich an den Schnittstellen zwischen Politik, Verwaltung und operativer Umsetzung.
Aktuelle Funktion: Präsident der Eidgenössischen Qualitätskommission (EQK) seit Anfang 2024. In dieser Rolle ist er massgeblich dafür verantwortlich, die nationalen Qualitätsstrategien des Bundesrates im Gesundheitswesen umzusetzen.
Werdegang: Rund 15 Jahre lang prägte er als Generalsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen und dem Bund. Er war eine Schlüsselfigur bei der Koordination der kantonalen Gesundheitspolitiken und bei der Bewältigung der COVID-19-Pandemie auf Verwaltungsebene.
Expertise: Jordi ist bekannt für seine Fähigkeit, zwischen den oft gegensätzlichen Interessen von Leistungserbringern, Versicherern und der Politik zu vermitteln. Sein Fokus liegt auf der Systemsteuerung und der Etablierung verbindlicher Qualitätsstandards, die über rein theoretische Konzepte hinausgehen. Neben seinem Engagement für die EQK bringt er seine Erfahrung in verschiedenen Fachgremien ein, unter anderem im Branchengremium des Bundesprojekts DigiSanté, das die
digitale Transformation im Gesundheitswesen vorantreibt oder in den Vorständen von palliative.ch und der Lungenliga Schweiz.