Die Zukunft der Pflege-Organisation


Fachleute sind sich einig – die Pflege wird in Zukunft anders organisiert: Die Qualität muss weiter steigen, die Bedürfnisse der Patienten werden noch wichtiger und qualifiziertes Personal kommt und bleibt nur unter verbesserten Bedingungen.

Dr. Sylvia Blezinger

Stirbt das klassische Altersheim aus? Im April gab es einige medienwirksame Zeitungsartikel zu den von Tamedia ausgewerteten Daten der Schweizer Alters- und Pflegeheime. Danach hat die Anzahl der leeren Betten zwischen 2012 und 2016 um 34 Prozent zugenommen. Dabei fällt auf, dass ausschliesslich Kantone in der Deutschschweiz niedrige Belegungsdaten aufweisen. Hier macht sich gerade der Ausbau der Spitex-Dienste bemerkbar. In der Westschweiz dagegen sind ambulante Pflegeleistungen bereits seit Jahren weit verbreitet und die Belegungen haben sich zwischen 98 und 100 Prozent eingependelt.

Das niederländische Demenzdorf De Hogeweyk ist gestaltet wie eine kleine Stadt. Die dementen Bewohner gehen essen, ins Theater, in eine gemütliche Beiz oder in einem Laden einkaufen, sie flanieren in den Strassen und in einer überdachten «Shopping Mall».

Laut Bundesamt für Statistik wird sich die Anzahl über 80-Jähriger bis 2045 mehr als verdoppeln. Wo werden diese in Zukunft gepflegt? Alte Menschen wollen meist so lange wie möglich in ihrem Zuhause bleiben. Allerdings stehen die Frauen, die beispielsweise als Ehefrauen, Töchter oder Schwiegertöchter bisher einen Grossteil der Pflege von Angehörigen übernahmen, infolge veränderter Familienstrukturen und steigender Berufstätigkeit seltener zur Verfügung. Dafür ermöglicht der Einsatz von moderner Technik, Medizin und ambulanter Pflege bereits jetzt eine deutlich längere Betreuung zu Hause. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Es wird keine klassischen Altersheime mehr geben, sondern an die Bedürfnisse angepasste Pflegeheime.

Das Demenzheim De Koekoek in den Niederlanden gewann den NVTG Building Award 2016. Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer sind alle Möbel so positioniert, dass sich die Bewohner jederzeit an einem Stuhl, einem Regal oder der Rückenlehne eines Sofas festhalten können.

Studien der Spitex Schweiz und des Gesundheitsobservatoriums Obsan zeigen zwar, dass eine ambulante Betreuung nur bis zu einem Aufwand von 60 Minuten pro Tag finanziell günstiger ist als die stationäre Pflege. Dies gilt jedoch nur unter den aktuellen Rahmenbedingungen. Ein Modell in den Niederlanden zeigt, dass auch längere Pflegezeiten mit externer Unterstützung sinnvoll sein können. Die Wirtschaftsprüfer der KPMG bescheinigen dem niederländischen ambulanten Krankenpflegedienst Buurtzorg (übersetzt: Nachbarschaftshilfe) eine ausgezeichnete Effizienz.

Zusammenwachsen der Organisationen
Erst wenn der Aufenthalt zu Hause gar nicht mehr möglich ist, ziehen die Menschen zukünftig ins Pflegeheim. Und bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Pflegeheime deutlich wohnlicher gestaltet werden, mit mehr Rücksicht auf die Anforderungen und Bedürfnisse der Menschen. Menschen mit Demenz werden in Zukunft verstärkt in allen Bereichen des Gesundheitswesens anzutreffen sein – in der häuslichen Pflege, im Heim und im Spital. Geriatrische, demente und andere Patienten zu trennen, wird nicht mehr möglich sein. Integrationsprojekte sind zurzeit viel diskutiert und teilweise bereits umgesetzt. In der Schweiz sind diese Ansätze bereits in der Kalkbreite oder den Planungen für das Koch-Areal in Zürich zu sehen. Es zeichnet sich ab, dass die verschiedenen Gesundheitseinrichtungen stärker zusammenwachsen. Spitex, Pflegeheim und Spital werden dann eine organisatorische Einheit bilden. Dies gilt allerdings nur für die Organisation und Zusammenarbeit der Einrichtungen. Umgebung und Pflege werden auf Basis weiterer Erkenntnisse individueller (Stichwort Healing design).

Die Korridore des De Koekoek zeigen viele interessante Besonderheiten: Die Wandpaneele sind so angebracht, dass sich die Bewohner daran festhalten können. Indirektes Licht nach unten bietet blendfreie Orientierung. Die Lichtstärke ist dem Bio-Rhythmus angepasst. Schaukästen vor den Zimmern bieten den Bewohnern die Gelegenheit, persönliche Gegenstände zu platzieren. Dies führt zu Wiedererkennung und Ablenkung und kann gleichzeitig die Kommunikation fördern.

Die Chancen der Technik
Die moderne Technik als Teil unserer Gesellschaft ist schon heute Realität. Überwachung wie beispielsweise im Rahmen von Telecare und Dokumentation wird in Zukunft verstärkt über die elektronischen Medien erfolgen. Technische Unterstützung in Form von Robotern kommt nicht nur als Unterstützung für das Personal und in der Logistik zum Einsatz, sondern auch direkt für die Patienten. Besonders Demente kommen anscheinend sehr gut zurecht mit Pflegerobotern wie der Robbe Paro. Dies führt zu einer Entlastung des Personals und ermöglicht eine bessere Qualität in der Pflege. Noch gibt es Vorbehalte, die Erfahrung zeigt aber, dass mit einer grösseren Verbreitung die Vorbehalte sinken und der Einsatz von Technik die Pflege sinnvoll unterstützen kann.

Orientierung über Farben
Die zunehmende Verbreitung von integrativen Wohnprojekten zeigt, dass es einen Bedarf und die Möglichkeiten gibt, die Pflege in Zukunft anders zu gestalten. Orientierung ist beispielsweise ein wichtiges Thema. Normalerweise erfolgt die Orientierung über visuelle, akustische und auch olfaktorische Wahrnehmung. Alle diese Sinne nehmen im Alter ab und brauchen besondere Unterstützung. Einfachste Massnahmen können das Leben für kognitiv eingeschränkte Personen deutlich erleichtern. Eine Nasszelle ganz in Weiss wirkt zwar hygienisch, bietet jedoch wenig Kontrast zur Orientierung. Hilfreich ist schon, wenn die wichtigen Punkte wie die Toilette, das Lavabo und der Spülknopf farblich unterschiedlich markiert werden. Farben werden in Zukunft stärker eingesetzt, die Zimmer für Demente werden kleiner. Demente Menschen benötigen keine grossen Zimmer, dafür mehr Platz in Gemeinschaftsräumen. Viele interessante Konzepte kommen aus den experimentierfreudigen Niederlanden. Dort entstand vor 10 Jahren eine völlig neue Idee: Buurtzorg (Nachbarschaftshilfe). Hier pflegen kleine und selbst organisierte Teams zusammen mit Angehörigen und Nachbarn. Ausserdem werden andere Leistungserbringer wie Hausarzt, Spezialisten, Krankenhaus, Apotheke eng in das Netzwerk eingebunden. Ein interessantes Konzept, das sich durchzusetzen scheint.

Das Nieuwe Klinkenberg ist ein Beispiel des typisch niederländischen Baukonzepts kleiner Gruppenwohneinheiten. Das «letzte Haus» ähnelt so weit wie möglich einem normalen Haus. Die Anlage bietet 120 Wohnungen und Betreuungsräume für Menschen mit Demenz in Wohngruppen von 10 Bewohnern.

Die Zufriedenheit der Pflegenden ist so gross, dass Pflegende aus anderen Organisationen zu Buurtzorg abwandern. Ein Zeichen dafür, dass dieses Konzept auch für andere Pflegeeinrichtungen zu einem relevanten Thema wird. Ein anderes Beispiel aus den Niederlanden, das international Aufsehen erregte, ist das Demenzdorf De Hogeweyk. Die Bewohner leben in kleinen Wohngruppen in grosser Selbstständigkeit zusammen. Die Bewohner können so den Lebensstil weiterführen, den sie gewohnt sind. Kritikpunkte sind, dass in De Hogeweyk eine künstliche Umgebung geschaffen wurde und ein gegenüber dem schweizerischen Standard höheres Risiko, beispielsweise für Stürze, besteht. Andererseits lässt sich die Medikation deutlich verringern und die Zufriedenheit insgesamt steigern. Der Trend ist klar: Es geht in Richtung Autonomie auch im hohen Alter.



Heime und Spitäler Ausgabe Mai 2/2018