Spital der Zukunft im Kanton Uri


Der Kanton Uri plant den Um- und Neubau des Kantonsspitals Uri. Wie das «Spital der Zukunft» entstehen soll, zeigt Spitaldirektor Fortunat von Planta in unserem Fachbericht auf – ein Praxisbeispiel.


Fortunat von Planta*

Aufgrund der Entwicklungen auf dem Spitalmarkt und der bundesrechtlichen Neuordnung der Spitalfinanzierung hat der Kanton Uri zusammen mit dem Kantonsspital Uri im Jahr 2012 eine strategisch-bauliche Gesamtplanung erstellt. Nach umfangreichen Grundlagen- und Planungsarbeiten konnte das Urner Volk am 24. September 2017 einem Baukredit in der Höhe von 115 Millionen Franken abstimmen. Der Projektleitung und der Spitalführung ist es gelungen, ein Projekt auszuarbeiten, das auf allen Seiten auf viel Wohlwollen stiess, jedoch ebenso Erwartungen ans Tageslicht brachte. Die Erwartungen der verschiedenen Anspruchsgruppen widersprechen sich teilweise. Vor diesem Hintergrund ist ein konzeptionelles Vorgehen unter Einbezug aller Anspruchsgruppen zwingend. Bei der «Analyse der Ausgangslage» wurde die strategisch-bauliche Gesamtplanung erarbeitet. Diese beinhaltete die Analyse und Bewertung der bestehenden Infrastruktur, die Ermittlung des mittel- und langfristigen Investitionsbedarfs sowie eine Masterplanung mittels Szenarien. Mit Hilfe dieser Analyse wurde allen Beteiligten klar, dass ein Neubau aus ökonomischen und betrieblichen Gründen die beste Lösung darstellt.

Bei den «Prozessen und Synergien» wurden die Betriebsgrundlagen erarbeitet. Dabei wurden die verschiedenen Funktionalitäten sowie die Leistungen qualitativ und quantitativ beschrieben, ein Personalkonzept und ein Raumprogramm erstellt. Zuhanden der Planungsteams wurden Lösungshinweise festgehalten, Kernprozesse beschrieben und Clusterbildungen vorgegeben. Abgerundet wurde dieser Prozessschritt durch Nutzungsstudien und einen finanziellen Businessplan.

Während der Ausarbeitung des «Vorprojekts» (und später ebenso beim Bauprojekt) wurden die Mitarbeitenden eingehend begrüsst. In sogenannten Nutzergesprächen konnten die Mitarbeitenden ihre Überlegungen im Rahmen der durch die Projektleitung festgelegten Vorgaben einbringen: Wie sieht die optimale Raumanordnung aus? Welche Grösse sollen die Zimmer haben? Welche räumlichen Synergien können innerhalb des vorgegebenen Perimeters genutzt werden? Diese Nutzergespräche führten zu über 250 wesentlichen Verbesserungen. Die Erfolgsfaktoren der bisherigen Planung sind:

  • Einhaltung des oben skizzierten methodischen Ansatzes
  • Ein kleines, interprofessionelles Kernprojektteam
  • Einbezug der Mitarbeitenden im Rahmen von klaren Vorgaben
  • Lerne von den Besten
  • Offener und ehrlicher Dialog mit der Politik

So wird das künftige Kantonsspital Uri aussehen, das voraussichtlich 2022 eröffnet wird.

Paradigmenwechsel
Das Kernprojektteam hat die Aufgabe, die nicht verhandelbaren Vorgaben festzulegen. Es besteht aus dem Chefarzt Medizin, der Pflegedienstleitung, dem internen Projektleiter, einem externen Spitalplaner und dem Spitaldirektor. Als Beispiel für solche nicht zu verhandelnden Vorgaben können folgende Punkte genannt werden:

  • Patienten stehen an erster Stelle: Viele Spitäler nehmen für sich in Anspruch, in erster Linie im Interesse der Patienten zu handeln. Das KSU hat sich zum Ziel gesetzt, dies tatsächlich zu tun. Dies bedingt, dass grundsätzliche Überlegungen eingehalten werden. Hierfür müssen die Patienten richtig verstanden werden. Gezielte Patientenbefragungen helfen zu verstehen, welches die relevanten Bedürfnisse sind. Ebenso hilfreich ist ein effektives Beschwerdemanagement oder das Gespräch mit Patientenschutzorganisationen. Am wichtigsten scheint, dass der Gedanke von «Patient First» im Spital fest verankert ist. Mit Blick auf den Neubau hat das Kantonsspital Uri deshalb wichtige patientenbezogene Grundregeln illustriert und mit griffigen Aussagen versehen lassen. Diese Illustrationen wurden allen Mitarbeitenden als Postkartenset abgegeben. Sie spielten bei den Nutzergesprächen eine wichtige Rolle.
  • Interdisziplinär und interprofessionell: Die Chance eines Kleinspitals liegt insbesondere in der unkomplizierten interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit. Für eine optimale spitalinterne Zusammenarbeit wurden im Projektwettbewerb Clusterbildungen vorgegeben. So konnte zum Beispiel sichergestellt werden, dass die gesamte Innere Medizin in Zukunft auf einer Etage Platz findet: Für die Innere Medizin inkl. Beratungen (Ernährungsberatung etc.) gibt es nur noch einen Stützpunkt sowie einen Warteraum.
  • Paradigmenwechsel: Der Patient geht nicht zum Leistungserbringer, sondern der Leistungserbringer zum Patienten. Somit gibt es in Zukunft keine einem Leistungserbringer zugewiesenen Untersuchungs- und Behandlungsräume mehr. Wenn möglich werden die Räumlichkeiten interdisziplinär und interprofessionell ausgestaltet. Dieser Paradigmenwechsel wurde ausgedehnt auf das ganze Spital. Zum Beispiel gibt es auf den Pflegestationen keine eigentlichen Stützpunkte mehr. An deren Stelle treten Kommunikations- und Informationspunkte, an welchen sich die verschiedenen Berufsgruppen formell und informell austauschen können.
  • Bürolandschaften: Besonders herausfordernd ist der Veränderungsprozess im Bereich der persönlichen Arbeitsplätze. Jenes Personal, das ständig am selben Bürotisch arbeitet, kann die angedachten Bürolandschaften kaum erwarten. Gleichzeitig haben einzelne Leistungserbringer, die einen Grossteil ihrer Arbeitszeit am Patienten verbringen, Mühe mit der Vorstellung, administrative Arbeiten im selben Raum zu erbringen wie andere Personen. Die Erfahrungen aus unzähligen anderen Unternehmen zeigen, dass bestens konzipierte, attraktive Bürolandschaften aus personalpolitischen und finanziellen Überlegungen der einzig machbare Weg sind.
  • Just-in-time: In Zukunft wird es am Kantonsspital Uri kein Zentrallager mehr geben. Stattdessen wird auf just-in-time-Lieferungen umgestellt. Indes werden fast sämtliche spitalinternen Transporte durch eine separate Organisationseinheit («Runners») durchgeführt. Dadurch kann das pflegerische und medizinische Personal von berufsfremden Aufgaben entlastet werden. Interessant ist, dass neue Berufsbilder entstehen, während die Pflichtenhefte anderer Berufsgruppen anzupassen sind.
  • Poollösungen und Technologiepartnerschaften: Das neue Spital ist so konzipiert, dass an strategisch sehr guter Lage sogenannte Materialpools zur Verfügung stehen. Dazu gehören zum Beispiel Spritzenpumpen. Diese Geräte sind nicht mehr einer Organisationseinheit oder einer Person zugeordnet. Aus ökonomischer Sicht verzichtet das Kantonsspital Uri somit auf Kontingente, welche nie effizient sind. Dies lässt Technologiepartnerschaften zu, was sich mittel- und langfristig positiv auf die Betriebskosten auswirkt.

Innovative Lösungen
Bei einem Neubau ist besonders wichtig, dass von anderen Spitälern und anderen Unternehmen gelernt werden kann. Der informelle Dialog in Verbindung mit anschaulichen Beispielen führt immer wieder zu innovativen Lösungsansätzen. Es wurden Spitäler im Ausland besucht, wo die Patienten teilweise konsequenter in den Mittelpunkt der täglichen Arbeit gestellt werden.

Trotz einer konzeptionellen, weitsichtigen Planung gibt es immer wieder Hürden, die zu nehmen sind. Dazu gehört zum Beispiel die Feststellung, dass die für einen Neubau notwendige Innovationskraft durch unser Spital alleine nicht bereitgestellt werden kann. Hier ist eine gezielte Zusammenarbeit mit externen Beratern und andern Spitälern unabdingbar. Dann kann unschwer festgestellt werden, dass der oben skizzierte methodische Ansatz aufgrund von gesetzlichen Vorschriften nicht abschliessend eingehalten werden kann. Ein Ausschreibungsverfahren zu einem frühen Zeitpunkt, was aufgrund des öffentlichen Beschaffungswesens notwendig ist, verhindert beispielsweise eine spätere Reduktion der Kubatur. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass das Zusammenspiel von Besteller (Öffentliche Hand) und Betreiber (Spital) enorm zeitintensiv ist. Dies sind jedoch nicht verhandelbare Rahmenbedingungen, und man darf mit Blick auf die letzten Jahre festhalten, dass diese Zusammenarbeit immer wieder zu sehr guten Lösungsansätzen geführt hat. Insoweit betrachten wir die Politik als Partner.

*Spitaldirektor Kanton Uri



Heime und Spitäler Ausgabe Dezember 5/2017