Ästhetik garantieren, Betriebsabläufe optimieren


Im Spätsommer waren die Arbeiten am Neubau, welcher ab Dezember 2017 Menschen mit einer chronischen psychischen Beeinträchtigung aufnimmt, noch voll im Gang. Nachfolgend ein Interview mit Werner Walti, Geschäftsführer «Stiftung Alpbach – Betreuung und Pflege» in Meiringen, einem Vollprofi in Sachen Bauprojekte. Sein Leitmotiv: Ästhetik garantieren, Betriebsabläufe optimieren.


Interview: Barbara Fosco

Vom Greisenasyl zu zukunftsweisenden Projekten der Schweiz» lautete der Titel Ihres Vortrags, den Sie anlässlich einer Fachkonferenz in Luzern gehalten haben. Verfolgt man Ihren eigenen Berufsweg, so fällt auf, dass Sie offenbar neue Projekte – genauer Bauprojekte – faszinieren.
Werner Walti: Das stimmt. Bei der «Stiftung Alpbach – Betreuung und Pflege» bin ich seit dem Jahr 2014 tätig und zum vierten Mal darf ich den Neubau einer Langzeitinstitution begleiten. Ich gebe zu: Nicht zuletzt sind es jeweils die Aussichten auf Neugestaltung und Veränderungsmöglichkeiten gewesen, die mich zum Wechsel bewogen haben. Als ich dann vor zweieinhalb Jahren nach Meiringen kam, war der Architekturwettbewerb bereits entschieden und das Projekt eines Neubaus stand in seinen Grundzügen fest. Spannend ist aber, dass es sich diesmal nicht um einen Ersatzbau für ein bereits bestehendes Dienstleistungsangebot handelt: Wir realisieren einen Neubau mit 40 Betten für Menschen mit einer chronischen psychischen Beeinträchtigung, mit Demenz und/oder herausforderndem Verhalten. Dies ergibt Synergien mit unserem bestehenden individuellen «Wohnen mit Dienstleistungen» und mit dem «Wohnen mit Pflege und Betreuung». 1

«Wir berücksichtigen bei Einstellungen auch Mitarbeitende mit einer Beeinträchtigung. Für die neue Küche haben wir beispielsweise eine sehbehinderte Köchin eingestellt.» Werner Walti, Geschäftsführer, und Ornella Schreiber, Leiterin Administration.

Vier Neubauten – das bedeutet auch viel Erfahrung. Wie gehen Sie solche Projekte an?
Werner Walti: Zunächst sind es ganz einfache Überlegungen. Früher dachte ich noch, was würde für meine Grossmutter stimmen?, dann: wäre das etwas für meine Mutter? Jetzt plane ich so, dass es auch für die 68er-Generation und später einmal für mich passen könnte. Die Erwartungen haben sich in den letzten 20 Jahren stark geändert. Auch die Bevölkerung unserer Bergdörfer ist schon gereist, hat in Hotels übernachtet. Vor Jahren in Grindelwald staunten die Leute, wenn sie von ihrem Hüsli zu uns ins Altersheim kamen: «Was, so ein grosses Zimmer und Dusche und WC hat es auch!» Das ist heute Standard und reicht nicht mehr.

Können Sie konkret sagen, wie sich dies auf die Planung, auf Veränderungen der Infrastruktur hier in Meiringen auswirkte?
Werner Walti: Da gibt es vieles. Ich habe realisiert, dass im Hauptgebäude der grosse Speisesaal für die 80 Bewohnerinnen und Bewohner der Abteilung «Wohnen mit Pflege und Betreuung» etwas altbacken, kühl war. Mit Farben, teilweise neuem Mobiliar, einem Korpus, der beim Frühstück als Selbstbedienungsbuffet, bei den übrigen Mahlzeiten für den Service, das Richten der Teller dient, haben wir ihn aufgefrischt. Die Cafeteria hatte ebenfalls ein neues Outfit nötig. Wir haben sie im letzten Jahr vom früheren kühlen Raum mit wenig Atmosphäre zu einem einladenden Restaurant umgestaltet. Blumen auf den Tischen, eine Jukebox mit wechselnden Platten gehören mit dazu. Wir passen unsere Infrastrukturen Schritt für Schritt an; das Haus können und wollen wir nicht umstossen, aber dafür sorgen, dass man gerne hierhin kommt.

Zum Bauprojekt: Was ist für Sie wichtig, worauf muss man achten?
Werner Walti: Für den Architekten steht die Ästhetik im Vordergrund; für mich sind es die Betriebsabläufe. Das kann schwierig sein. Mit jedem Projekt, das ich begleiten durfte, lernte ich immer besser, den optimalen Zeitpunkt einzuschätzen, um meine Anliegen einzubringen. So hiess anfangs rasch einmal: «Das ist jetzt zu früh, das entscheiden wir später!» oder «Das hätten Sie mir gleich zu Beginn sagen müssen!» Und natürlich gewinnt man mit den Jahren auch Sicherheit – und findet gute Argumente – im Umgang mit den Architekten. Dann überlege ich mir auch immer, was den späteren Betrieb erleichtern könnte. Deshalb werden hier im Neubau alle Zimmer schlicht eingerichtet; das Einbaumobiliar vereinfacht den Unterhalt. Wir installieren in allen Nasszellen der Abteilung Wohnen mit Demenz eine Wassersteuerung mit Bewegungsmeldern. Dies lohnt sich, erspart Kontrollgänge des Hausdienstes und verhindert Wasserschäden. Die Steckdose für das Bett in den Zimmern haben wir in den Boden verlegt. Das ermöglicht es, das Bett beliebig dort zu platzieren, wo sich der jeweilige Bewohner am wohlsten fühlt. In allen Stockwerken haben wir einen Kehricht- und einen Wäscheabwurf. Damit entfallen zeitaufwändige Routinegänge der Mitarbeitenden zu den Containern. Die Feuerlöschposten sind in die Wände eingelassen, damit man nicht jedes Mal mit Rollcontainern daran stösst ...

An den früheren Spital – heute Hauptgebäude – angebaut: die beiden Flügel für die Zimmer der Heim-Bewohner.

Könnten Sie uns den Neubau kurz vorstellen?
Werner Walti: Sowohl die Aussen- wie die Innenwände sind aus einem sandfarbenen Sichtklinker, die Einbaumöbel in den Gängen aus heller Eiche. Die Abteilung für unruhige Demenzkranke mit 10 Einzelzimmern befindet sich im Erdgeschoss mit direktem Ausgang in einen geschlossenen Gartenbereich. Im 1. und 2. Stock sind zwei Abteilungen mit je 14 Einzelzimmern für Menschen mit chronisch-psychischen Langzeiterkrankungen; zwei Zimmer haben wir für verhaltensauffällige Menschen speziell gut isoliert. In die Wand zwischen Nasszelle und Zimmer ist ein schmales «Fenster» eingebaut, das Lichteinfall ermöglicht. Dann richten wir eine attraktive Thermospa-Schwebeliege 2, zwei Pflegebäder mit Whirlsound und Licht, verschiedene Aktivierungs- und grosszügige Ess- und Aufenthaltsräume ein. Für jedes neue Angebot – sei dies eine bestimmte Aktivierung wie beispielsweise unsere Schreibwerkstatt oder eben auch die Thermospa-Schwebeliege – braucht es Fans, begeisterte Mitarbeitende, die das portieren. Sonst wird das Angebot nicht genutzt. Auf einen Fitnessraum mit Geräten haben wir verzichtet; Erfahrungen in anderen Institutionen haben gezeigt, dass dieser von den heutigen Bewohnern zu wenig besucht wird. Das Stationsbüro ist im Zentrum jedes Stockwerks und für die Bewohner einsehbar. Den Mitarbeitenden wird im Neubau ein grosszügiger Aufenthaltsraum mit Lounge-Möbeln, Kaffeemaschine usw. zur Verfügung stehen. Dann realisieren wir eine neue, grössere Wäscherei – so können wir auch die Flachwäsche wieder selbst erledigen – und eine eigene Küche.

Der modernisierte Speisesaal und genügend Raum zwischen den Tischen für Rollatoren.

Stichwort «Gastronomie»: Für welches System haben Sie sich entschieden?
Werner Walti: Bislang bezogen wir unsere warmen Mahlzeiten von der Privatklinik Meiringen. Wir brauchen insgesamt täglich 120, mit dem Neubau dann etwa 160 Mittagessen. Mit der neuen Küche werden wir flexibler. Wir haben sorgfältig evaluiert und werden Cook & Chill einführen. Wir werden Viertelsportionen, einen schön gerichteten «Gluschtteller», servieren und dann Nachservice à discrétion anbieten. Der Koch wird während der Mahlzeiten jeweils im Essraum anwesend sein und den Tellern den letzten Schliff geben oder sie mit Sonderbeilagen wie Pommes Frites ergänzen. So sieht er auch, wie das Essen bei den Gästen ankommt, was nachbestellt wird. Dies wird leicht gestaffelte Essenszeiten erfordern. Für den Transport der Mahlzeiten in die Esszimmer 3 der Bewohner, welche Hilfe beim Essen benötigen, werden wir einen Thermomantel einsetzen.

Auch die Alters- und Pflegeheime müssen bis 2022 elektronische Patientendossiers einführen. Wie gut sind Sie darauf vorbereitet?
Werner Walti: Vor einem Jahr führten wir die ganze Pflegedokumentation careCoach ein. Ein System, das von Pflegenden aller Stufen sehr schnell gelernt werden kann. Die Leistungserfassung erfolgt mobil auf Smartphones 4. Papierakten gibt es nicht mehr. Handlungsbedarf besteht für uns noch in der Zusammenarbeit mit Hausärzten, welche zwar über ein eigenes Login verfügen, dieses aber noch nicht nutzen.

Wie steht es mit sonstigen Neuerungen der Technik?
Werner Walti: Zurzeit läuft auf einer Station der Pilot mit Medikamentenverblisterung. Dabei arbeiten wir mit dem Spital Interlaken zusammen. Wir werden dies im ganzen Haus umsetzen. Es kann nicht sein, dass die «teuersten» Mitarbeitenden stundenlang beim Medikamentenschrank Medis rüsten oder kontrollieren. Da stehen die Kosten für die Verblisterung der Medikamente für die 80 Heim-Bewohner in keinem Verhältnis!

Die Stiftung Alpbach befindet sich zwar «im Herzen der Schweiz», ist aber doch recht abgelegen. Haben Sie Schwierigkeiten bei der Personalrekrutierung?
Werner Walti: Sicher ist es nicht einfach. Vor allem diplomiertes Pflegepersonal HF ist in der ganzen Schweiz sehr nachgefragt. Für den neuen Pflegebereich für Menschen mit chronischen psychischen Beeinträchtigungen ist es uns unter anderem dank der guten Vernetzung früherer Mitarbeitender gelungen, Fachkräfte zu finden. Die ärztliche Betreuung übernehmen Chefarzt Professor Dr. Thomas Müller und sein Stellvertreter PD Dr. Jochen Mutschler von der Privatklinik Meiringen. Für eine Pflegeabteilung suche ich zurzeit allerdings intensiv eine Teamleitung. Ich hoffe natürlich, dass die neuen attraktiven Räume für Mitarbeitende die Personalsuche etwas erleichtern. Zudem werden wir ab Januar 2018 im «Schnäggehüsli», in dem früher die öffentliche Kinderspielgruppe untergebracht war, eine Kindertagesstätte5 mit grossem Spielplatz im Freien einrichten.

Worauf achten Sie bei Mitarbeitenden?
Werner Walti: Ich hatte und habe das Glück, immer gute Mitarbeiter zu haben, Mitarbeitende, die «mitkommen». Sie sind die Ressource unserer Institution. Mir ist wichtig, dass sie Sinn und Freude in ihrer Tätigkeit finden. Nur so können sie viel geben, ein Stück Liebe ausstrahlen und den Bewohnern mit dem Respekt, der Offenheit und Zuneigung begegnen, die ihnen zustehen. Ihre Gesundheit liegt mir am Herzen. Deshalb bieten wir auch gratis das Montags-Yoga an, das sich grosser Beliebtheit erfreut. Wir müssen eben spezielle Angebote machen, gut sein, damit sie bei uns in Meiringen, zuhinterst im Tal, arbeiten wollen.

1 Wohnen mit Dienstleistungen: 24 Alterswohnungen (23 2 1/2 Zimmer-Wohnungen und eine 3 1/2-Zimmer-Wohnung); Wohnen mit Pflege und Betreuung: 80 Heim-Plätze
2 Schon in der «Rosenau» in Grindelwald hatten wir einen Thermospa. Dieser hat sich vor allem zur Beruhigung von Parkinson- und Demenzkranken sehr bewährt.
3 Die meisten Bewohner essen im grossen Speisesaal, so auch die Mieter der Alterswohnungen (u.a. eine Hauptmahlzeit ist in der Dienstleistungspauschale inbegriffen). Alle Abteilungen im betreuten Heimbereich verfügen über Ess-/Aufenthaltsräume mit Aquarium, TV, Bücher- und Zeitschriftentisch usw.
4 Samsung Galaxy
5 Die öffentliche Spielgruppe für Kinder wurde in die nah gelegene, vormalige (kaum genutzte) «Aktivierungs-Küche» verlegt. Letztere wird in den bestehenden grossen Aktivierungsraum im Hauptgebäude integriert.



Heime und Spitäler Ausgabe 4 Oktober 2017