«Das Gesundheitswesen wird günstiger»


Medizinische Leistungen werden künftig nicht nur besser, sondern auch günstiger. Davon ist der Zürcher Futurist Gerd Leonhard überzeugt. Im Interview schildert er das Gesundheitswesen der Zukunft. Klar ist: Es finden umwälzende Veränderungen statt.


Interview: Christoph Hämmig

Sie sind Futurist und CEO der «Futures Agency». Wie angenehm ist es, wenn man sich mit der Zukunft befasst?
Gerd Leonhard: Bei meiner Arbeit geht es mir um die unmittelbare Zukunft der nächsten fünf Jahre. Ich bin also kein Science Fiction-Experte, der die Zukunft in 20 Jahren beschreibt. Ich befasse mich mit Themen, die heute aktuell sind, und denke sie für die nächsten Jahre weiter. Grundsätzlich bin ich ein Optimist und glaube, dass sich die Dinge gut entwickeln. Die Technik wird in unserem Leben eine enorme Rolle spielen. Die Kraft der Technologie verdoppelt sich alle 18 Monate, das ist rasend schnell. Die Kunst liegt darin, die Balance zwischen Technik und Mensch zu finden. Das ist wichtig und entspricht einer grossen Herausforderung, ist aber auch spannend. Darum empfinde ich meinen Job als ausserordentlich interessant. Bei unserer Futures Agency sind 35 freie Mitarbeitende beschäftigt, die weltweit in diversen Bereichen tätig sind.

Eines Ihrer Themengebiete ist die digitale Transformation unserer Gesellschaft. Was bedeutet dies für die Schweizer Gesundheitsbranche?
Gerd Leonhard: Wir werden dramatisch älter, was die Gesundheitsbranche ganz konkret betreffen wird. Die Kinder unserer Kinder werden künftig 100, eventuell bis 120 Jahre alt. Aufgrund der Fortschritte in der Medizin erhalten wir bereits heute pro Jahr etwa vier Monate als Lebenserwartung geschenkt. Für unsere Generation heisst dies, dass wir ohne weiteres 85 bis 95 Jahre alt werden können. Dadurch wird eine ganz neue Gesellschaftsstruktur entstehen. Zum Beispiel wird sich das AHV-Alter verschieben. Und es müssen Fragen geklärt werden, wie viel Pensionsgeld wir erhalten und woher die Mittel fliessen. Ich denke, dass in zehn Jahren 70-Jährige noch arbeiten können und wollen – und auch noch fit sind.

Können wir uns dannzumal unser Gesundheitssystem finanziell noch leisten?
Gerd Leonhard: Davon gehe ich aus, weil medizinische Versorgung billiger werden muss. Die medizinischen Fortschritte aufgrund der technologischen Möglichkeiten die Kosten radikal senken. Allein die Verwaltungskosten bei Ärzten, Spitälern und Heimen werden 90 Prozent billiger. Zur Illustration möchte ich hier ein Beispiel aus der Unterhaltungsindustrie anfügen: Musik können wir heute mit Angeboten wie Spotify so günstig hören wie nie zuvor. Oder: Früher zahlten wir für einen einzigen Film auf DVD 30 und mehr Franken. Heute stehen uns mit Netflix für monatlich 10 Franken etwa 400 000 Filme zur Verfügen. Diese Entwicklung wird sich in vielen anderen Lebensbereichen fortsetzen. Das gleiche wird mit Arzneimitteln, mit Gesundheitsvorsorge etc. passieren.

Sie erwähnten, dass sich die Verwaltungskosten massiv senken? Können Sie dafür sowie für andere Bereiche Beispiele aufzeigen?
Gerd Leonhard: Sobald wir die Sicherheitsprobleme der Cloud-Nutzung gelöst haben, wird sich die gesamte Administration online abspielen, was enorme Ressourcen spart. Oder: Experten gehen davon aus, dass künftig 70 bis 90 Prozent aller Arztbesuche hinfällig werden. Unter anderem deshalb, weil wir dereinst unsere Diagnosegeräte zuhause haben werden. Die Smartwaches bilden in dieser Hinsicht erst den Anfang. Künftige Geräte werden uns vermessen – vom Blutdruck, über Blutwerte bis hin zum Speichel – und werden die Werte dem Arzt online weiterleiten. Dieser entscheidet dann, ob eine Konsultation angezeigt ist. Das alles senkt die Kosten massiv. Und es geht noch weiter: In Zukunft werden wir aufgrund gezielter Vorbeugung, noch besserer Ernährung und weiter entwickelter Medizin Krankheiten wie Diabetes, Demenz und Alzheimer besiegen können. Daraus werden wiederum riesige Einsparungen resultieren: Weniger Krankheiten verursachen weniger Kosten, weniger Arzt- und Pflegeleistungen. Auch Apotheken wird es weniger brauchen. Aufgrund eines gesünderen Lebens werden insgesamt weniger Medikamente nötig sein. Wenn man das Modell der gesteigerten Effizienz weiterdenkt, benötige ich einen Apotheker grundsätzlich nur, wenn ich eine Beratung brauche. Ein verschriebenes Medikament kann ich auch an einem Automaten beziehen. Routine-Arbeit wird durch Automation ersetzt. Der Apotheker ist nur ein Beispiel dafür.

Da kommt die persönliche Betreuung und Beratung künftig aber arg zu kurz.
Gerd Leonhard: Nicht unbedingt, sie wird auf einer anderen, neuen Ebene stattfinden. Video-Kommunikation werden eine grosse Bedeutung erhalten. Im Alltag wird das heissen: Wenn ich mit einem Arzt sprechen will, werde ich mich mit ihm mittels Video-Schaltung am Computer oder Fernsehgerät unterhalten. Während des Gesprächs wird der Doktor entscheiden können, ob eine Konsultation vor Ort notwendig ist oder nicht.

Sie erwähnten, dass Krankheiten wie Diabetes, Demenz und Alzheimer besiegt werden können. Nur mit der Umstellung der Ernährung wird dies aber kaum machbar sein.
Gerd Leonhard: In zehn bis 20 Jahren kann man diesen Krankheiten durch Genmanipulation vorbeugen. Ich weiss natürlich, das dies sehr umstritten ist. Entsprechend werden dann grosse Diskussionen um solche ethischen Aspekte entstehen. Dieser Auseinandersetzung werden wir uns stellen müssen.


Wie sieht die Rolle der Spitäler künftig aussehen?
Gerd Leonhard:
Auch im Spitalwesen wird die visuelle Tätigkeit und hauptsächlich die Roboterisierung stark zunehmen. Dazu ein aktuelles Beispiel: Bereits heute gibt es in den USA Kliniken, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Operationen in Südafrika und Nigeria auszuführen. Die Chirurgen sitzen in Amerika vor dem Bildschirm und führen Eingriffe wie Blindarmoperationen etc. mittels Teleroboter an den Patienten in Afrika aus. Das lokale Pflegepersonal verfügt natürlich über mehr Know-how und Kompetenzen. Das funktioniert. Die Möglichkeiten der sogenannten Telemedizin werden künftig viel besser und günstiger. Heute kosten Operationsroboter wie Da Vinci noch weit über zwei Millionen Franken. Künftig werden sie vielleicht noch 200 000 bis 300 000 Franken kosten.

Das heisst zwangsläufig, dass die Anzahl Spitäler sinken wird. Wie beurteilen Sie die entsprechende Entwicklung?

Gerd Leonhard: Ja, es wird ganz bestimmt weniger Krankenhäuser geben und die Institutionen werden anders strukturiert sein. Mir scheint wichtig, dass sich die Exponenten im Gesundheitswesen über künftige Szenarien austauschen und die Zukunft aktiv planen. Zudem ist es wichtig, dass sich die Häuser systematisch vernetzen, sich mit Cloud-Lösungen vertraut machen und die Möglichkeiten von visueller Medizintechnik prüfen. Und: Alles, was nicht automatisiert werden kann, wird an Bedeutung zunehmen: zum Beispiel Vertrauen, Beziehungen, Know-how, Erfahrung. Anders ausgedrückt: Die Wertigkeit von persönlichen Beziehungen rückt nach oben. Es wird soweit kommen, dass wir für eben dieses Vertrauen und das Know-how des Arztes bezahlen und nicht primär für die Roboterleistung einer Operation.

Wie schnell wird sich das im Alltag umsetzen? Welche Schritte werden zuerst erfolgen?

Gerd Leonhard: Bis in fünf Jahren werden sich die Spitäler untereinander komplett vernetzen und das elektronische Patientendossier verwirklicht sein. Aber auch andere technologische Neuerungen werden parallel Einzug halten. Bis zum genannten Zeitpunkt wird sich auch das führerlose Auto zumindest in grossen Städten durchsetzen. Wer ins Spital muss, wird sich dannzumal ein führerloses Auto einfach per Knopfdruck oder Audiobefehl bestellen und sich in die Klinik bringen lassen.

Dem eDossier stehen viele noch kritisch gegenüber, weil sie Bedenken haben bezüglich Datenschutz.
Gerd Leonhard: Dieses Problem wird gelöst, davon bin ich überzeugt. Die Vorteile der Datenvernetzung überwiegen die jetzt noch bestehenden Nachteile bei weitem. Stellen Sie sich folgendes vor: Wenn weltweit alle Kliniken untereinander vernetzt sind und alle Patientendaten via Cloud abrufbar sind bedeutet dies, dass Krankheitsbilder sekundenschnell mit ähnlichen Fällen verglichen werden können. Das heisst, dass ein Patient viel zielgerichteter und effizienter behandelt werden kann – und die Geschwindigkeit steigt dramatisch.

Was wird sich zudem verändern?
Gerd Leonhard: Vieles ist noch gar nicht abschätzbar. Aber es werden nicht nur grosse, umwälzende Veränderungen stattfinden, sondern auch Anpassungen im Kleinen. Hierzu ein Beispiel: Ärzte oder Kliniken werden künftig nach vierschieden Kriterien online bewertet und für die Konsumenten mit Bildern und Videos einsehbar sein. Ein Arzt oder ein Spital werden wir so auswählen können, wie wir das heute bei Hotels oder Feriendestinationen machen.

Für viele Leser dieses Interviews mögen Ihre beschriebenen Szenarien nicht nur erhellend, sondern auch sehr erschreckend sein.
Gerd Leonhard: Das kann ich nachvollziehen. Deshalb ist es wichtig, das wir lernen, mit der Technologie richtig umzugehen. Es ist ganz klar, dass wir nicht ständig mit der ganzen Welt vernetzt sein können. Wir brauchen auch Zeit für uns selber um zu denken, zu verdauen und uns zu bewegen. Alles Dinge, die ein Computer nicht braucht. Darum sage ich gelegentlich: Offline zu sein, ist der neue Luxus. Auch diese Zeit müssen wir uns nehmen.

Wechseln wir zum Themengebiet Alters- und Pflegezentren: Auch hier lautet die zentrale Frage, wohin die Reise gehen wird.
Gerd Leonhard: In diesem Segment kommt es ebenfalls zu einer Trendwende. Die Sorge um unsere alten Menschen wird wieder ein Teil unserer Arbeit werden – so wie es früher war. Wir werden dereinst ein Grundeinkommen erhalten, damit wir uns die Pflege zeitlich und finanziell leisten können. Die Alters- und Pflegeheime werden zu einer Einheit verschmelzen und künftig als Dienstleister fungieren. Wir werden dort mehrheitlich individuelle Leistungen für zuhause beziehen.

Wie wollen Sie alt werden?
Gerd Leonhard: Das ist eine schwierige Frage. In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird sich so viel verändern, dass sich die Frage noch gar nicht beantworten lässt. Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, dass meine Pension nicht mit 65 beginnen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich bis über 70 tätig sein werde. Natürlich nicht in einem 100-Prozent-Pensum.

Wie wird das Spital der Zukunft aussehen?
Gerd Leonhard: Da sind die Grenzen fliessend. Bei jedem Spitalbau müssen sich die Betreiber jedoch schon jetzt fragen, für welche konkreten Bedürfnisse die Immobilie gebaut werden soll. Da spielt unter anderem eine Rolle, was für Räume für welche Nutzung benötigt werden. Die Raumaufteilung von Krankenhäusern, die Infrastruktur bis hin zum Facility Management wird sich von heutigen Spitälern gravierend unterscheiden. Das wird zwangsläufig so sein, weil sich die Bedürfnisse ändern. Für die meisten ist heute kaum vorstellbar, dass wir künftig ein Spital zuerst virtuell besuchen werden. Mittels Video-Schaltung logge ich mich ins Spital ein, melde mich am Empfang, spreche mit der Rezeptionistin und besuche dann beispielsweise einen Spezialisten zu einem ersten Gespräch. Das wird wie gesagt online stattfinden. Erst für ein zweites Gespräch – sofern das notwendig ist – gehe ich dann physisch vor Ort in das Spitalgebäude. Sie sehen: Alles wird sich gewaltig ändern. Es kommt zur totalen Verschmelzung vom digitalen und physischen Leben. Dennoch ist es ratsam, die Entwicklung auch kritisch zu verfolgen. Meiner Meinung nach soll man zwar Technologie umarmen, aber nicht Technologie werden.



Heime und Spitäler Ausgabe 1 März 2017