Von der Fiktion zur Realität


Liebe Leserin, lieber Leser

Es klingt wie Fiktion: Unsere Spitäler teilen sich in Hub- und Satelliten-Stationen auf, vor Ort wird in zwei bis drei grossen Zentren operiert, in den Satelliten erfolgen die Eingriffe mittels Teleroboter, ferngesteuert aus den Hubs. Operationsroboter wie Da Vinci werden statt über zwei Millionen noch zwischen 200 000 und 300 000 Franken kosten. Über 50 Prozent der Erstbesuche beim Arzt entfallen, die Konsultation findet rein visuell über den Bildschirm statt, einfache Untersuchungen führt der Patient mittels smarten Endgeräten zuhause selbst durch. Und weiter im Text: Spitäler, Kliniken und Ärzte werden miteinander in der Cloud verbunden sein, die Verwaltungskosten in den Gesundheitsinstutitionen werden zwischen 70 und 90 Prozent günstiger. Und: Durch bessere Ernährung und weiterentwickelter Medizin können Krankheiten wie Diabetes, Demenz und Alzheimer längerfristig besiegt werden. Die Lebenserwartung der Menschen liegt über 100 Jahren. Entsprechend ändern sich die Anforderungen an Alters- und Pflegeheimen. Insgesamt werden die Kosten im Gesundheitswesen günstiger.

Fiktion oder bald Realität? Der international bekannte Futurist Gerd Leonhard ist überzeugt davon, dass sich das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren dramatisch und radikal verändern wird. Wer unser Interview auf Seite 8 liest, ist entweder begeistert oder schockiert. In Anbetracht von Leonhards Zukunftsszenarien mutet der Vorstoss des Zürcher Gesundheitsdirektors Dr. Thomas Heiniger völlig unbedeutend an. Allerdings trifft das Gegenteil zu: Orchestriert von medialen Paukenschlägen bezeichnete er das Bundesgesetz zum elektronischen Patientendossier kürzlich als «Schwachstrom-Vorlage». Er strebt an, mittels einer neu gegründeten Firma mit anderen Kantonen eine Allianz zu schmieden, damit der Daten- und Kommunikationsfluss künftig durchgängig fliessen kann. Wer dies als blosse Utopie abtut, auf politische Undurchführbarkeit verweist oder auf mögliche Mängel bezüglich Datenschutz pocht, wird dereinst unsanft erwachen. Längerfristig kann es kaum mehr anders sein, als dass sich die vollständige Digitalisierung durchsetzen wird. Und dies nicht nur kantonal und schweizweit, sondern global. Es stellt sich höchstens noch die Frage, wie schnell die Entwicklung voranschreitet.

Natürlich bergen die künftigen Entwicklungen auch Gefahren. So mahnte beispielsweise Dr. Stephan Sigrist, Begründer des Think Thank «W.I.R.E.» anlässlich eines Health-Kongresses im Gottlieb Duttweiler Institute, dass wir uns vor der digitalen Revolution nicht überfahren lassen dürfen. Mit Recht weist er darauf hin, neue Technologien zwar anzuwenden, aber nur dort, wo konkrete Nutzen entstehen, die Sinn ergeben und nicht nur technischer Spielerei entsprechen. Auf einen Nenner gebracht bedeutet dies: Die Kunst liegt darin, eine gesunde Balance zwischen Mensch und Technik zu finden. Das wird nicht einfach, aber dieser Herausforderung müssen wir uns alle stellen. Nicht erst morgen, sondern schon heute, denn die Zukunft hat bereits begonnen.

Christoph Hämmig
Chefredaktor


Heime und Spitäler Ausgabe 1 März 2017