Alterspflegezentren: Herausforderungen für die Zukunft


Demografischer Wandel, Pflegefinanzierung, Personalknappheit, eHealth – die Institutionen der Alters- und Langzeitpflege stehen vor beträchtlichen Herausforderungen. Welche Aufgaben stellen sich ihnen in Bezug auf zukünftige Patienten und Bewohner? Was bedeutet die finanzielle Entwicklung in der Alters- und Langzeitpflege für die Verantwortlichen? Wo stehen Sie im Hinblick auf die Einführung des elektronischen Patientendossiers? Auf Anfrage von «Heime und Spitäler» nehmen vier Leitende von Alterspflegezentren Stellung.


Erika Schumacher

Hannes Wittwer, CEO Senevita AG (22 Standorte in 7 Kantonen)

Attraktive Arbeitsbedingungen
Nebst den bekannten quantitativen Herausforderungen aufgrund der demografischen Entwicklung erleben wir zunehmend Menschen mit gestiegenen Ansprüchen: Bewohnende, die sich ihrer Rolle als Kunde bewusst sind und – zu recht – eine einwandfreie Dienstleistung erwarten. Eine unübersehbare Entwicklung ist die kürzer gewordene Aufenthaltsdauer von Bewohnenden – viele kommen zuerst als Kurzzeitaufenthalter oder Feriengast in unsere Häuser, kehren vielleicht wieder nach Hause zurück und treten später wieder ein. Für uns bedeutet dies einen erheblich höheren Aufwand, als wir ihn für die herkömmlichen Langzeitbewohnenden kennen. Das gilt sowohl für das Administrations- wie auch für das Betreuungs- und Pflegepersonal. Qualifiziertes, sozialkompetentes Pflegepersonal ist bereits heute äusserst knapp. Es gilt, als Arbeitgeber attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten. Damit meine ich nicht primär nur den Lohn, sondern auch die Zusammenarbeit im Team, die Rücksichtnahme auf Bedürfnisse der einzelnen Arbeitnehmenden etc. Wichtig ist uns ebenfalls, unser bestehendes Personal mit seinen Potenzialen in der Unternehmung selbst aus- und weiterzubilden und zu entwickeln. Diese grossen Herausforderungen betrachten wir primär als Chance. Als Chance für Senevita als Gruppe mit mehreren Standorten – und, aufgrund der steigenden Kundenorientierung der Branche, auch als Chance für die Bewohnenden solcher Häuser. Die steigenden Pflegekosten sind das Resultat der gesetzlichen Grundlagen. Werden die gesetzlichen Mindestanforderungen bezüglich Infrastruktur, Personal etc. erhöht, führt dies zwangsläufig zu höheren Kosten bei den Institutionen. Glücklicherweise können wir mit der Grösse unserer Gruppen gewisse Synergieeffekte erzielen, zum Beispiel im Einkauf, in der Informatik oder der Administration. In den Senevita-Häusern sind alle Daten elektronisch vorhanden, für die Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) sind wir also grundsätzlich bereit. Allerdings wollen wir eine bewährte und benutzerfreundliche EPD-Lösung: In den nächsten Monaten werden wir eine entsprechende Evaluation vornehmen.

Renate Monego, Direktorin Pflegezentren der Stadt Zürich (10 Standorte in der Stadt)

Wer übernimmt diese Kosten?
Die Stadt Zürich erwartet aufgrund der Zuwanderung in den nächsten 15 Jahren keine grosse Zunahme der älteren Bevölkerung. Was wir jedoch feststellen: Ältere pflegebedürftige Menschen treten immer später ins Pflegezentrum ein, da sie über immer mehr ambulante Angebote verfügen, die ein Verbleiben zu Hause länger ermöglichen. Das bedeutet, dass mehr Menschen bei uns leben, die an Mehrfacherkrankungen leiden und einen komplexen Bedarf an Pflege und Betreuung haben. Dazu braucht es ausgebildetes Fachpersonal, das sich zudem entsprechend spezialisiert, zum Beispiel im Bereich der Demenzpflege. Wir haben einen hohen Bildungsbedarf für die Langzeitpflege, insbesondere für komplexe Pflegesituationen und entwickeln unsere Schulungen laufend weiter. Da es in Zukunft sowohl im Akut- als auch um Langzeitbereich immer schwieriger sein wird, qualifiziertes Personal zu finden, legen wir grossen Wert auf Weiterbildung und Entwicklungsmöglichkeiten unseres Personals.
Unsere Grösse ermöglicht es uns, in vielen Bereichen die Effizienz zu steigern und unsere Kosten zu optimieren. Dies ist auch nötig, angesichts der steigenden gesetzlichen Anforderungen und dem damit verbundenen erhöhten administrativen Aufwand. Es ist bedauerlich, dass ein Teil der Effizienzgewinne für vermehrte Administration verwendet werden muss und nicht zugunsten der Bewohnenden eingesetzt werden kann. Das gegenwärtige Finanzierungssystem vergütet den krankheitsbedingten Aufwand in der Pflege beispielsweise im Bereich Demenz nur ungenügend. Und das bedeutet mehr Belastung für die öffentliche Hand, da der Bundesrat die Tarife der Krankenversicherer eingefroren hat. Wir sind auf der ganzen Linie gefordert, mit den vorhandenen Ressourcen wirtschaftlich umzugehen. Die elektronische Patientendokumentation haben wir bereits seit längerem eingeführt. Als Institution arbeiten wir ausserdem in verschiedenen vorbereitenden Arbeitsgruppen mit, welche sich mit den Bedingungen und Möglichkeiten des elektronischen Patientendossiers auseinandersetzen. Allerdings sind hier beispielsweise die Ausführungsbestimmungen noch nicht definitiv verabschiedet und die Heterogenität der vorhandenen IT-Systeme wird eine grosse Herausforderung darstellen. Was noch gar nicht klar ist: Wie viel wird uns das kosten als Unternehmen und wer übernimmt diese Kosten? Ob die Bevölkerung einen elektronischen Datenaustausch gutheisst, ist ebenfalls fraglich.

Adel Kozar, Standortleiter Tilia Ittigen (Stiftung Tilia: 7 Standorte in der Region Bern)

Engagement als Ausbildungsbetrieb
Wie alle Institutionen der Langzeitpflege sieht sich auch Tilia den Herausforderungen der demografischen Entwicklung und des gesellschaftlichen Wandels ausgesetzt. Wir sind deshalb flexibel für vermehrte Übergangs- und Kurzaufenthalte von einigen Tagen bis mehreren Monaten. Auch bei komplexen Krankheitsbildern bieten wir eine Pflege und ärztliche Betreuung an, die auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Dazu benötigt das Fachpersonal in zunehmendem Masse spezifische Kenntnisse in den Bereichen Demenz, Palliative Care, Psychiatrische Erkrankungen sowie Sucht-Erkrankungen. Eine grosse Herausforderung stellt der akute Fachkräftemangel im Pflegebereich – insbesondere in der Langzeitpflege – dar, der aufgrund des ausgetrockneten Arbeitsmarktes vorherrschend ist. Deshalb investieren wir bewusst in die Nachwuchsförderung und engagieren uns als Ausbildungsbetrieb. Es freut uns daher besonders, dass im Jahr 2015 Tilia Ittigen vom Verband Berner Pflege- und Betreuungszentren vbb als bester FAGE-Lehrbetrieb ausgezeichnet wurde und Tilia Köniz den zweiten Rang erreichte. Die ansteigenden Pflegekosten, dringender Sanierungsbedarf der Infrastruktur, neue Pflegefinanzierung, aber auch Sparmassnahmen im Gesundheitswesen erzeugen im Langzeitpflegebereich einen erheblichen Kostendruck. Tilia setzt nicht auf lineare Kürzungen, sondern auf umfassende, vorausschauende und nachhaltige Prozessverbesserungen. Es gilt insbesondere, unproduktiven «Leerlauf» zu vermeiden. Im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung werden Prozesse und Abläufe kritisch hinterfragt und optimiert. Tilia arbeitet seit 2012 mit einer elektronischen Bewohnerakte, welche sich im Arbeitsalltag gut bewährt hat. Die Administration und die Arbeitsorganisation werden damit wesentlich erleichtert und vereinfacht. Zu ihren weiteren Vorteilen gehören die bessere Lesbarkeit der Eintragungen, der einfache Zugang zu allen wesentlichen Informationen und die Optimierung des Controllings, sowohl intern wie extern.

Dr. Luca Stäger, CEO Tertianum AG (69 Standorte in 16 Kantonen)

Gäste mit Migrationshintergrund
Ältere Menschen suchen vermehrt Angebote für betreutes Wohnen, mit Spitex-, Betreuungs- und Hauswirtschaftsleistungen. Dadurch sinkt die Aufenthaltsdauer in klassischen Pflegeinstitutionen, sie beträgt durchschnittlich weniger als ein Jahr. Beim Eintritt sind immer mehr Pflegebedürftige hochaltrig und oft multimorbid, die Komplexität unserer Pflegeleistungen nimmt also zu. Ebenfalls müssen wir uns zunehmend auf Gäste mit Migrationshintergrund einstellen. Hier gilt es, das Angebot ihren Bedürfnissen anzupassen und, zum Beispiel, Mitarbeitende mit entsprechendem Sprach- und Kulturverständnis zu beschäftigen. Die Personalknappheit spüren wir insbesondere bei den diplomierten Pflegefachkräften (Ausbildungsniveau HF und FH). Wir rechnen damit, dass sie sich künftig noch verschärfen wird. Kantonale Vorgaben zum Personaleinsatz erschweren die Situation zusätzlich: Sie erschweren eine klientenzentrierte Personaldotation auf der Basis von Skill- und Grade-Mix. Mit diesem Modell bräuchten wir weniger diplomierte Pflegefachkräfte. Diese würden, im Gegensatz zu heute, primär für spezialisierte Aufgaben eingesetzt, die ihrer langjährigen Ausbildung entsprechen. Damit dürfte im übrigen auch die Mitarbeiterzufriedenheit steigen.
Die im KVG geregelte Pflegefinanzierung wird von Kanton zu Kanton unterschiedlich umgesetzt – eine Herausforderung für die Tertianum-Gruppe, die in 16 Kantonen tätig ist. Aufgrund der demografischen Entwicklung steigen die Kosten für Alterspflege und -betreuung in Zukunft wahrscheinlich weiter an. Für die Allgemeinheit bedeutet dies eine moderate Belastung – verglichen mit den Kosten für Spitalaufenthalte, ambulante Behandlungen und Medikamente. Denn es sind die Pflegegäste selber, die einen hohen Teil der Kosten tragen: Aktuell bezahlen die betroffenen Senioren knapp 45 Prozent beziehungsweise jährlich rund 4 Milliarden von insgesamt 9.3 Milliarden Franken. Die öffentliche Hand, je nach Kanton sind es die Gemeinden oder der Kanton selbst, behindert den Wettbewerb. Für private Anbieter wie die Tertianum-Gruppe ist das störend: Pflegebetten werden nicht bewilligt, Restfinanzierungssätze werden gekürzt oder sind für private Anbieter niedriger als für gemeindeeigene Betriebe. Dazu kommt, dass die Gemeinden allfällige Betriebsdefizite von eigenen Betrieben quersubventionieren – eine Wettbewerbsverzerrung, die den Steuerzahler in der Schweiz jährlich über eine halbe Milliarde Franken kostet. Die Mehrzahl der Tertianum-Betriebe dokumentiert bereits heute digital. Die restlichen werden mit einer digitalen Pflegedokumentation ausgestattet. Damit haben wir die Basis für das elektronische Patientendossier (EPD) gelegt. Bis Ende 2019 werden wir es in unseren Betrieben eingeführt und das Personal geschult haben. Leider verkomplizieren die Kantone das EPD, weil sie sich nicht auf gemeinsame Lösungen einigen können. Jeder Kanton erarbeitet eigene Konzepte und Anwendungen. Für uns bedeutet dies, dass wir unterschiedliche Lösungen einsetzen müssen – mit entsprechender Kostenfolge.



Heime und Spitäler Ausgabe 5 Dezember 2016