«Logistisches Betriebskonzept» für Spitalneubau und -umbau


Die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass die bauliche Spitalstruktur in der Schweiz im Wandel ist. Viele Krankenhäuser planen oder führen derzeit schon einen Um- oder Neu bau durch. Die hiermit verbundenen hohen Investitionskosten steigern immer mehr den Argumentationsbedarf für den wirtschaftlichen Betrieb des geplanten Bauvorhabens.

Beate Moll, Sebastian Wibbeling*

Neben dem wirtschaftlichen Betrieb sind Fallzahlsteigerungen und effiziente Prozesse Erwartungen an einen Spitalneubau. Ebenfalls eröffnen Neubau- und Umbauprojekte die Chance für neue Konzepte und optimierte Betriebsabläufe, welche mit den neuen baulichen Strukturen zu harmonisieren sind. Somit bildet die bauliche Struktur des Krankenhauses den Rahmen für die im späteren Betrieb stattfinden Prozesse und bestimmt erheblich die Leistungsfähigkeit sowie die laufenden Betriebskosten. Nicht ausreichend grosse Logistikflächen und unnötig lange Wege behindern oftmals den Betrieb und verhindern, dass neue Gebäude zu den gewünschten Leistungssteigerungen führen. Dennoch wird in der Bauplanung den Logistikprozessen häufig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Nachträgliche bauliche Anpassungen im laufenden Betrieb sind zeit- und kostenintensiv und durch eine frühzeitige Logistikplanung vermeidbar.

Logistische Ströme innerhalb eines Spitals.

Das logistische Betriebskonzept
Bei der Spitalplanung für einen Neubau muss neben dem medizinischen Betriebskonzept auch ein logistisches Betriebskonzept entwickelt werden. Hintergrund ist, dass mit der Reduktion von Verweilzeiten bei einer gleichzeitigen Fallzahlerhöhung es in den Spitälern zu einer Leistungsverdichtung führt. Die zu erzielende Leistungssteigerung ist nur durch die Erhöhung und Sicherstellung der zeitgerechten Durchführung der diagnostischen und therapeutischen Massnahmen umsetzbar, welches primäre Aufgabe der Logistik ist. Die Logistik muss die medizinischen Leistungsprozesse entsprechend der Personen- (Patient, Pflege, Ärzte, Service, Besucher etc.) und Materialströme (Lager, Apotheke, Speisen, Sterilgut, Geräte, Wäsche, Abfälle, Proben, Dokumente etc.) bedarfsgerecht zur richtigen Zeit in optimaler Weise unterstützen und dabei die hygienischen und medizinischen Anforderungen berücksichtigen. Ein Logistikkonzept beinhaltet daher die Planung, Gestaltung, Steuerung und Kontrolle der Material-, Personen- und Informationsflüsse innerhalb des Spitals und gestaltet somit die Schnittstelle zwischen den zukünftigen Prozessen, der eingesetzten Technik und den zur Verfügung stehenden Flächen. Insgesamt soll das Ziel sein, einen durchgängigen Prozess auf optimalen Flächen mit passgenauer technischer Unterstützung aufzubauen.

Definition von Flächenanforderungen
Damit die zukünftigen Prozesse in einem Spitalneubau ohne Einschränkungen aufgrund defizitärer Flächen durchgeführt werden können, ist die Definition von Flächenanforderungen Gegenstand eines logistischen Betriebskonzeptes. Bei der Flächenbestimmung werden logistische, hygienische, brandschutz- und bautechnische sowie medizinische Aspekte berücksichtigt und ganzheitlich abgestimmt. Am Ende eines logistischen Betriebskonzeptes stehen ein auf den Prozessen basierendes Raum- und Funktionsprogramm sowie eine dazugehörige Anordnungsstruktur. Ein logistisches Betriebskonzept muss ebenfalls für die einzelnen Bauphasen geplant werden. Hintergrund ist, dass sich die Transportwege in den einzelnen Interimsphasen, sowohl für den Patientenals auch für den Materialtransport, verändern können und es zum Teil zu einem reduzierten Angebot von Logistikflächen (Lagerflächen, Pufferflächen, Übergabeflächen) kommt.

Planungsbeispiel aus Deutschland
Das Evangelische Krankenhaus im deutschen Oldenburg gehört seit 2012 zum Medizinischen Campus der Universität Oldenburg und versorgt järhlich 40 000 Patienten, ambulant als auch stationär. Um auch bei steigenden Fallzahlen eine bestmögliche medizinische und pflegerische Versorgung zu gewährleisten, plant das Evangelische Krankenhaus Oldenburg derzeit einen Erweiterungsbau. Der Erweiterungsbau umfasst folgende Aspekte: Notaufnahme mit Helikopterdachlandeplatz, Intensivpflegestation, Zentral-OP, Funktionsdiagnostik und Allgemeinpflegestation. Das Evangelische Krankenhaus Oldenburg hat das Fraunhofer IML, Abteilung «Health Care Logistics» beauftragt, ein logistisches Betriebskonzept für den Neubau zu generieren. Hierbei wurde ein ganzheitlicher Ansatz gewählt, indem unter anderem das Zusammenspiel aus Prozessen, Flächen und Technik betrachtet wurde. Im Laufe des Projektes wurden Logistikkonzepte für die Bereiche des ZOPs, der Notaufnahme als auch für die Aufzugsnutzung, Warenannahme und Umkleidekonzept entwickelt. Im Detail wurden für den Z-OP und die zentrale Notaufnahme folgende Aspekte erarbeitet: Für den Z-OP wurden Nutzungskonzepte für die Bereiche Aufwachraum und Holding Area, Umkleiden, Materialver- und Entsorgungsschleusen, Einleitungen sowie für die Richträume generiert. Neben den Konzepten wurde ebenfalls ausgewiesen, welcher Flächenbedarf für die einzelnen Bereiche benötigt wird. Neben den Nutzungskonzepten wurden auch die zukünftigen Lager- und Pufferflächen ausgewiesen. Für die zentrale Notaufnahme wurde zunächst das Wege- und Erschliessungskonzept überprüft und optimiert. Hierbei wurde zwischen Low-Care, High-Care sowie Infektiösen Patienten unterschieden. Als weiterer Aspekt wurden die zukünftigen Lager- und Pufferflächen für die zentrale Notaufnahme ausgewiesen. Als Ergebnis des logistischen Betriebskonzeptes für den Erweiterungsbau wurden Entscheidungsvorlagen für das Evangelische Krankenhaus Oldenburg vorbereitet sowie Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Diese wurden nach interner Wertung durch das Direktorium vollumfänglich bestätigt und zur Umsetzung freigegeben.

Zusammenfassung und Empfehlung
Neubau- oder Umbauprojekte in einem Krankenhaus eröffnen die Chance für neue Konzepte und optimierte Betriebsabläufe, die mit den neuen baulichen Strukturen zu harmonisieren sind. Diese müssen mit allen am Ablauf Beteiligten Bereichen und der zukünftigen Nutzer (Pflege, Logistik, Service, Ärzte) durchdacht und auf die spitalindividuellen Anforderungen und Bedürfnisse des Krankenhaus angepasst werden. Die Logistik stellt hierbei ein wichtiges Instrument zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit und Qualität eines Spitals dar. Um Optimierungen wirklich realisieren zu können, ist es notwendig, für die bestehenden Versorgungsstrukturen als auch bei Neuplanungen ein logistisches Betriebskonzept zu erarbeiten. Hierbei muss beachtet werden, dass dieses genügend Flexibilität gewährleistet, um den sich ändernden Rahmenbedingungen der Kliniken ausreichend Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

Flächendimensionierung auf Basis des Gesamtkonzeptes.

*Beate Moll, M.Sc. Health Care Management, Abteilung Health Care Logistics, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dr.-Ing. Sebastian Wibbeling, Abteilungsleiter Health Care Logistics, Fraunhofer-Institut für IML



Heime und Spitäler Ausgabe 5 Dezember 2016