Wie Schweden mit Demenz umgeht

Die wachsende Anzahl demenzkranker Menschen ist auch in Schweden eine grosse Herausforderung. Seit 2010 arbeitet die Gemeinde Upplands-Bro beispielhaft für eine Verbesserung der Situation für Menschen mit Demenzerkrankung und ihre Angehörigen. Sie gilt in Schweden als Vorbild für andere Gemeinden.

▶ MIRJAM BROCKNÄS

In Schweden leiden rund 160 000 Menschen an einer Demenzerkrankung. Jedes Jahr erkranken 26 000 neue Patienten, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl der Gemeinde Upplands-Bro in der Nähe von Stockholm. Upplands-Bro hat eine Abteilung für Prävention für Senioren eingerichtet. Zu den Aufgabenbereichen der Abteilung zählen unter anderem die Hilfe für Angehörige, Ausflüge für Senioren, Tagespflege für Menschen mit Demenz oder auch Digitalisierungsgruppen für Senioren. Ein Team aus Gesundheitspädagogen, Ergotherapeuten, Altenpflegern und Demenzspezialisten hilft den Senioren in Upplands-Bro, ihr Altern gesund und aktiv zu gestalten. Ein ausgebildeter Therapiehund, Golden Retriever Nelly, ergänzt das Team. Bewegung, Sport, Aufklärung und die Vorbeugung von Einsamkeit sind Schlüsselfaktoren für die Arbeit der Abteilung für Prävention.

Im Teamwork entsteht ein Bild in der Kunstgruppe. Später wird es in der Ausstellung des Heimes zu sehen sein. Auch den Pflegenden macht das Kunstprojekt grossen Spass und es steigert die Arbeitszufriedenheit.
FOTO: YANAN LI.

Gruppen gegen die Vereinsamung
Für Menschen mit Demenz im frühen Stadium gibt es in Upplands-Bro Selbsthilfegruppen. Somit kommt die Kommune mit den an Demenz erkrankten Menschen bereits im Anfangsstadium der Erkrankung in Kontakt und dies erleichtert den Übergang zur Tagespflege und später ins Heim. Auch sehr erfolgreich sind Gruppenangebote für Demenzkranke zusammen mit ihren Angehörigen gegen die Einsamkeit. Personen mit Demenz und auch die Angehörigen leben oft in sozialer Isolation. «Meine Bekannten glauben, dass Alzheimer ansteckend sei», berichtet einer der Gruppenteilnehmer. Dazu kommt, dass normale Gespräche mit den Erkrankten nicht mehr möglich sind, und so fühlen sich viele Angehörige trotz Zweisamkeit sehr einsam. In den Gruppen wird zusammen gelacht oder ein Museum oder die Bibliothek besucht. Man findet neue Bekannte, die sich in der gleichen Situation befinden. Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Form von Gruppen den Umzug in ein Heim hinauszögern kann. Doch auch Angehörige, deren demenzkranke Partner bereits in einem Pflegeheim leben, haben die Möglichkeit, mit ihrem Partner an den Gruppenangeboten teilzunehmen, dies bedeutet für die Betroffenen eine willkommene Abwechslung.

Coaching für das Pflegepersonal
Die Mitarbeitenden der Abteilung für Prävention arbeiten intensiv mit den kommunalen Altenheimen zusammen. Im Team gibt es drei Demenzspezialisten, davon zwei «Silvia-Schwestern», die eine umfassende Ausbildung zur Begleitung und Betreuung demenziell erkrankter Menschen auf Initiative von Königin Silvia hin absolviert haben. Die Pflege und der Umgang von Menschen mit Demenzerkrankung können schwierig sein. Mit diesen Spezialisierungen steht das Team der Abteilung für Prävention dem Pflegepersonal in den kommunalen Altenheimen bei Verhaltensproblemen eng zur Seite. Darüber hinaus etablierte das Gemeindeteam von Upplands-Bro eine Reihe von Initiativen für Menschen mit Demenz.

Kunstgruppen für Personen mit Demenz
Heute gibt es mindestens eine Kunstgruppe in jedem Altenheim der Gemeinde. Ziel der Kunstgruppen ist es nicht Kunstwerke hervorzubringen, sondern den schöpferischen Impuls und das Wohlbefi nden der Demenzkranken zu fördern, trotzdem entstehen sehr oft auch schöne Bilder, die in einer jährlichen Ausstellung gezeigt werden. Durch bildnerisches Gestalten erfährt der Demenzkranke, dass er in der Lage ist, ein Werk zu erschaff en, und das wiederum stärkt das oft angeschlagene Selbstvertrauen. «Für meine Frau Gun, die an Alzheimer erkrankt ist, sind die Kunstgruppen eine wertvolle Beschäft igung. Meine Frau hat trotz ihrer Erkrankung immer noch sehr viel Fantasie und hat hier die Möglichkeit, diese auszudrücken», so Börje Ahl, ein Angehöriger.

Die Heimleiterin Susanna Kraft elid ist jedes Mal begeistert, wie die Heimbewohner durch das künstlerische Schaff en aufleben. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass das Pflegepersonal sehr viel Freude an der Durchführung der Gruppen hat, dies hat zu einer höheren Zufriedenheit beim Pflegepersonal geführt.

Hilde Melin, Altenpflegerin, leitet Kunstgruppen für Menschen mit Demenz. Hilde beschreibt die «Künstler» als ausgeglichen und zufrieden nach dem Besuch der Kunstgruppen. Das Nachtpersonal in den kommunalen Altenheimen bestätigt, dass die Nächte nach den Kunstgruppen oft ruhiger verlaufen. Die Grösse der Gruppen wird je nach Krankheitsgrad der Heimbewohner angepasst und liegt bei ungefähr drei bis fünf Teilnehmern pro Gruppe. Um Kontinuität für die Demenzkranken zu gewährleisten, trifft sich die Gruppe immer am gleichen Tag zur gleichen Stunde. Altenpfleger, die eine Fortbildung zum Thema Malen mit Demenzkranken absolviert haben, leiten die jeweiligen Gruppen. Jede Stunde hat ein eigenes Thema, besonders beliebt sind Themen, die einen Bezug zur Biografie der Seniorinnen und Senioren haben, das weckt Erinnerungen, positive Gefühle und Lust sich an den Kunstgruppen zu beteiligen. Gemalt wird ungefähr eine halbe Stunde, dies reicht aus, belastet nicht die Konzentration der Demenzkranken und die Zeit des eingespannten Pflegepersonals. Ein kleiner Einsatz, der grosse Effekte zeigt.

Die Gemeinde Upplands-Bro hat verschiedene Methoden angewandt, um die Auswirkungen der Kunstgruppen zu messen. Eine Methode ist die Anwendung von «QUALID». «QUALID» ist ein Instrument zur Messung der Lebensqualität von Menschen mit schwerer Demenz, ein Fragebogen mit Fragen zur körperlichen Verfassung, zum Wohlbefinden und zu Verhaltensauffälligkeiten. Der Test besteht aus 11 Fragen über beobachtetes Verhalten und die psychische Verfassung. Es gibt fünf Antwortmöglichkeiten mit einem Punktesystem. Die Endsumme zeigt den Grad der Lebensqualität an. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass Teilnehmer der Kunstgruppen eine erhöhte Lebensqualität aufwiesen.

Demenz-Schulungen für Berufsgruppen
Die Gemeinde Upplands-Bro ist Teil der weltweiten Aktion «Dementia Friends». Mit Unterstützung der deutschen Alzheimergesellschaft war Upplands-Bro die erste Gemeinde in Schweden, die diese Ausbildungen anbietet, um die Gemeinde insgesamt demenzfreundlicher zu gestalten und die Lebensbedingungen für die Betroffenen zu verbessern. Die Ausbildung dauert rund 90 Minuten und umfasst grundlegende Fakten über Demenzerkrankungen, die psychologische Seite der Demenz, Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenzerkrankungen, erste Anzeichen einer Demenz und vor allem welche Hilfe es in Upplands-Bro gibt. Der Startschuss für die Kampagne fiel im Sommer 2017 und inzwischen gibt es bereits 500 ausgebildete Demenzfreunde in Upplands-Bro. Unter ihnen sind zum Beispiel Mitarbeitende von Feuerwehr, Vereinen, Bibliotheken, Priester und Taxifahrer.

Angehörige berichten, dass sie bereits erste Erfolge der Kampagne und einen besseren Umgang mit ihren demenziell veränderten Angehörigen feststellen können. Ein Angehöriger berichtet, dass er sich die Kampagne gerne früher gewünscht hätte, so wäre seiner demenzkranken Frau sicher erspart geblieben, von der Polizei abgeführt zu werden, als sie sich mit fremden Tischnachbarn in einem Restaurant unterhalten wollte.

Gute Erfahrungen mit Kindern
Doch nicht nur verschiedene Berufsgruppen engagieren sich in Upplands-Bro als Demenzfreunde, es sind auch Kinder. Die Arbeit mit den «Minidemenzfreunden» begann 2017 mit einem Tanzprojekt. Tanzpädagogen tanzten mit demenziell veränderten Menschen in der Tagespflege und auch mit einer Gruppe Vorschulkinder. Sich zur Musik zu bewegen, ist nicht nur ein hervorragendes Balance- und Krafttraining, zu tanzen weckt auch alte Erinnerungen, vereint und macht Spass. Die Begegnungen zwischen den Kindern und Menschen mit Demenzerkrankung waren so gelungen, dass der Kontakt beibehalten wurde. Die Demenzpatienten bekommen regelmässig Besuch von Kindern und feiern zusammen Feste wie das Lucia Lichterfest oder Mittsommer.

In schwedischen Kindergärten steht Programmierung auf dem Lehrplan und einige Fünfjährige besuchten die Tagespflege für Menschen mit Demenz, um gemeinsam mit den Senioren Roboter zu programmieren. Die Begegnungen regen die an Demenz erkrankten Senioren ebenso an wie die Kinder im Vorschulalter. Das neueste Projekt der Abteilung für Prävention für Senioren ist eine Theatergruppe. Die Theatertreffen finden einmal in der Woche mit einer Gruppe von circa sechs Personen mit Demenz im mittleren Stadium für ungefähr eine halbe Stunde statt. Für das Gelingen der Gruppen ist eine gute Abstimmung zwischen der leitenden Theaterpädagogin und den Demenzexperten wichtig. Die ersten Sitzungen führte die Pädagogin alleine durch und die Senioren empfanden die Gruppen als kindisch und verliessen den Raum. Mittlerweile ist immer eine ausgebildete Altenpflegerin oder «Silvia-Schwester» dabei und hilft, die Übungen der Zielgruppe entsprechend anzubieten. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Professionen führte dazu, dass die Gruppen inzwischen sehr beliebt sind und auch sehr viel gelacht wird. Die Theatergruppe hat zu verschiedenen Themen wie den Bremer Stadtmusikanten, aber auch Romeo und Julia gearbeitet. Die Gruppen sind noch in der Aufbauphase und eine Auswertung sowie die erste Aufführung sind für Ende des Jahres geplant.

Chancen der Digitalisierung
Schweden gilt als Vorreiter im Bereich der Digitalisierung und verfügt über eine hervorragende digitale Infrastruktur. Digitalisierung erhöht die Chancen, auch im Alter länger selbstbestimmt leben zu können. Viele Senioren in Upplands-Bro nutzen Facebook, Instagram, sie skypen mit ihren Enkeln machen ihre Steuererklärung per Handy oder steuern ihre Hörgeräte über das Telefon. Regelmässig besucht der Digitalexperte Fredrik Eliasson Personen mit Demenz in der Tagespflege, um ihnen auf spielerische Art neue technische Möglichkeiten nahezubringen. Besonders beliebt sind Spiele auf Basis der Plattform Kahoot (www.kahoot.com).Das Pflegepersonal kann mit dieser Software sehr individuell ein elektronisches Quiz mit Fragen beispielsweise über die Jugend der Senioren, alte Kinofilme und Ähnliches gestalten.



HEIME & SPITÄLER 1 MÄRZ 2019