«Wir bauen jetzt das Fundament»

Interview mit Thomas Bachofner, CEO Swisscom Health

▶ INTERVIEW: FLORIAN FELS

Warum engagiert sich die Swisscom mit Swisscom Health so stark im Gesundheitsbereich?
Thomas Bachofner: Das Gesundheitswesen ist hinsichtlich seiner Alltagsprozesse unterdigitalisiert und hat einen hohen Kostendruck. Hinzu kommt das steigende Bewusstsein der Bevölkerung für ihre Gesundheit. Und das Ganze in Kombination mit der Einführung des elektronischen Patientendossiers. Das sind Herausforderungen, bei denen Swisscom mit ihrem Know-how und ihrer Erfahrung aus verschiedenen Branchen einen wertvollen Beitrag leisten kann.

Welches Know-how meinen Sie konkret?
Das sind beispielsweise unsere IT- und Vernetzungskompetenz und auch die Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit, für die Swisscom steht. Viele unserer Mitarbeitenden bei Swisscom Health verfügen zudem über spezifische Berufserfahrung aus dem Gesundheitsbereich.

Sie sagen, das Gesundheitswesen sei unterdigitalisiert. Können Sie das erläutern?
Ich meine nicht die Digitalisierung der Medizin oder innerhalb von einzelnen Institutionen. Dort gibt es viele digitale Anwendungen, von der Administration bis hin zu Operationsrobotern. Aber in Bezug auf Prozesse und die Vernetzung zwischen verschiedenen Leistungserbringern sind wir häufig noch analog unterwegs mit Brief und Fax. Hier sehe ich grosses Potenzial für mehr Effizienz.

Und dieses Potenzial lässt sich mithilfe der Blockchain und künstlicher Intelligenz nutzen?
Das sind zwei sehr wichtige Digitalisierungsthemen für Swisscom insgesamt. Wir sind davon überzeugt, dass gerade die künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen sehr viel verändern wird. Weltweit und insbesondere in Asien werden derzeit grosse Summen in Artificial Intelligence investiert. Sie wird ein grosser Veränderungstreiber sein.

Haben Sie schon konkrete Projekte?

Bei Swisscom Health beobachten wir die Entwicklungen rund um Blockchain und künstliche Intelligenz genau. Im Fokus steht für uns aber derzeit klar der Aufbau des EPD als Fundament für zunehmend digitalisierte Prozesse im Gesundheitswesen. Da geht es um Vertrauenswürdigkeit, um Sicherheit und um solide Anwendungen.

Wo liegen genau die Schwerpunkte der Arbeit von Swisscom Health?
Drei Dinge stehen im Fokus. Erstens das elektronische Patientendossier als ein Kernelement unserer Strategie: Wir bringen der Bevölkerung gemeinsam mit den Kantonen und Stammgemeinschaften das EPD. Zweitens die Vernetzung: Wir helfen den Spitälern und Heimen, sich an das EPD anzuschliessen. Und drittens digitalisieren und vernetzen wir auch andere Leistungserbringer wie Arztpraxen, Labore und Apotheken mit der E-Health-Welt. Diese drei Aktivitäten führen dazu, dass Informationen digital verfügbar werden und das Gesundheitswesen dadurch mehr Wirkung entfalten kann.

Welche Synergien gibt es mit dem Mutterhaus?
Wir sehen Swisscom Health als Nukleus für weiteres Geschäft im Gesundheitsbereich. Mit unserem spezifischen Know-how ergeben sich viele Anknüpfungspunkte, um auch Zusatz- oder Ergänzungsgeschäft für die angestammten Bereiche im Konzern zu generieren.

Also ist Swisscom Health hauptsächlich ein Türöffner für das klassische Geschäft?
Nicht nur. Unsere Vision ist ein digitales und sicheres Gesundheitswesen mit mehr Wirkung. Swisscom Health ist eine langfristige Investition, um mit der Vernetzung des Gesundheitsbereichs selbst zu wachsen. Wenn wir dann auch für das Kerngeschäft des Konzerns zusätzliche Impulse liefern können, umso besser.

Funktioniert das auch in der Praxis, gibt es Effekte für das angestammte Geschäft?
Absolut. Das Grosskundengeschäft im Gesundheitsmarkt ist bei Swisscom in den letzten Jahren überproportional gewachsen. Das hat natürlich unterschiedliche Gründe – Nachholbedarf bei der Digitalisierung, Kostendruck der Spitäler mit einem Trend zum Outsourcing, das EPD. Aber Swisscom Health als Katalysator ist hier schon ein zentrales Element.

Die Einführung des EPD wird teilweise mit grosser Skepsis betrachtet. Das geht bis in einige Stammgemeinschaften hinein. Was ist der Grund?
Es gibt immer eine gewisse Zurückhaltung bei der Anpassung von etablierten Strukturen und Prozessen. Und es gibt natürlich auch Partikularinteressen. Chancen, Risiken und Unsicherheiten eines Wandels müssen offen diskutiert werden. Beim Onlinebanking war das am Anfang ja auch nicht anders. In den nächsten Jahren wird sich die Skepsis mit der zunehmenden Auseinandersetzung mit dem Thema differenzieren und auflösen. Davon bin ich überzeugt. Das EPD wirkt dabei als Katalysator für diese Veränderung.

Welche Partikularinteressen meinen Sie?
Nicht alle ambulanten Leistungserbringer haben das Bedürfnis nach digitaler Transparenz. Und sie scheuen teilweise auch den Aufwand und die Integrationsleistungen, die für eine umfassende Digitalisierung notwendig sind.

Gerade niedergelassene Ärzte sind sehr kritisch.
Hier muss man differenzieren. Dem Arzt mit etablierter Einzelpraxis erscheint die Anbindung ans EPD als hohe Hürde. Man darf nicht die Illusion haben, dass alle Ärzte, die noch nicht einmal elektronische Krankengeschichten führen, jetzt Feuer und Flamme fürs EPD sind. Dieser Veränderungsprozess braucht Zeit. Ganz anders aber ist die Situation bei jungen Ärzten, Gruppenpraxen oder Praxisketten. Die fangen gar nicht erst ohne elektronische Krankenakte an und sind auch dem EPD gegenüber offen.

Wo stehen Sie mit der EPD-Einführung heute?
Fast alle Kantone haben sich für einen Technologiepartner fürs EPD entschieden. Stand heute wird mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit der EPD-Technologie von Swisscom bedient. Wir haben uns von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, dass wir eine standardisierte Lösung wollen, die alle relevanten Prozesse beinhaltet. Das heisst, wir entwickeln eine Lösung für grössere Stammgemeinschaften und konzentrieren uns dabei auf die deutschsprachigen Regionen rund um die Universitätsspitäler. Derzeit sind das beide Basel, Solothurn, Zürich, Zug, Schaffhausen und Bern.

Zuletzt gab es Konsolidierungen bei den Stammgemeinschaften. Setzt sich der Trend fort?
Ich erwarte da in den nächsten zwei Jahren noch Veränderungen. Unserer Meinung nach braucht eine Stammgemeinschaft eine kritische Grösse, um die Komplexität der EPD-Prozesse zu bewältigen. Ich glaube nicht an eine Welt mit einem Dutzend Stammgemeinschaften, von denen jede alles neu erfindet.

Immer im Wettbewerb mit einem anderen Staatsbetrieb – der Post. Wie gesund ist die Situation?
Wenn es nur ein Unternehmen gäbe, das das EPD einführt, würden alle von einem Monopol sprechen. Aus
meiner Sicht befruchtet der Wettbewerb. Und vergessen wir nicht: Die EPD-Einführung ist ein schweizweites Grossprojekt in einer sehr komplexen Branche. Es ist daher ein grosser Vorteil, dass neben anderen Anbietern auch zwei grosse Unternehmen wie Post und Swisscom mit langem Atem und viel Know-how die technische Umsetzung möglich machen.

Sie haben sich den Markt auch gut aufgeteilt.
Nicht wir haben uns den Markt aufgeteilt. Vielmehr haben zahlreiche Kantone und Spitäler Ausschreibungen durchgeführt, in deren Rahmen sie Technologiepartner für die EPD-Umsetzung ausgewählt haben. Post und Swisscom sind zwei dieser Partner. Wir sind beide gut ausgelastet mit der Einführung unserer Lösungen, mit der Definition von Standards, der Anbindung von Spitälern. Dabei konzentrieren wir uns mehr auf die Deutschschweiz, die Post sich eher auf die Romandie. Aber alles hängt ja auch zusammen.

Inwiefern?
Sowohl Swisscom als auch Post profitieren davon, wenn der andere erfolgreich ist. Wenn es uns mit unseren Kunden gelingt, das EPD-Ökosystem erfolgreich zu etablieren, dann strahlt das auch auf andere Regionen in der Schweiz aus.

Gibt es zwischen Swisscom Health und Post einen Austausch rund um das Thema EPD?
Es gibt immer wieder Diskussionen mit allen relevanten Anbietern im EPD-Kontext, um spezifische Fragestellungen zur Umsetzung des EPD zu klären. Viele Probleme müssen wir zusammen lösen, das kann nicht einer alleine machen.

Der Erfolg des EPD hängt nicht zuletzt an verbundenen B2B-Prozessen, die echte Vorteile für die Leistungserbringer realisieren könnten. Wie weit ist man hier?
Wir hatten erwartet, dass die Verbreitung von B2B-Lösungen schneller geht. Bremsend wirkt der Umstand, dass diese Alltagsprozesse aus der Diskussion und Gesetzgebung fürs EPD lange ausgeklammert waren. Ich bin überzeugt, dass die Trennung zwischen EPD und B2B, die wir heute noch haben, in einigen Jahren viel durchlässiger werden wird.

Welche B2B-Anwendungen könnte es konkret geben?
Einen Nutzen versprechen sich Leistungserbringer beim Austausch von Dokumenten und bei anderen administrativen Prozessen. Wir haben zum Beispiel erfolgreich die eZuweisung und den Online-Check-in umgesetzt. Weitere Anwendungsmöglichkeiten sind eBericht, eRezept oder Terminbuchungen für Patienten.

Wie gefährlich könnte dem Schweizer EPD das mobile Patientendossier von Apple werden? In den USA schliessen sich immer mehr Spitäler diesem System an.
Ich glaube, dass sich die beiden Systeme ergänzen werden. Die Apple-Lösung kann das Interface sein für verschiedene Informationen, die Patienten direkt sammeln und kontrollieren – Blutdruck, Herzfrequenz, Fitness-Werte und Ähnliches. Diese Informationen können dann über das EPD den Ärzten zugänglich gemacht werden. Klar ist, dass das EPD in Bezug auf das Kundenerlebnis mit einer Apple-Lösung nicht Schritt halten wird. Darum ist es so wichtig, dass Mobile-Health-Lösungen einfach ins EPD integriert werden können. Hier sehe ich für uns die Aufgabe, diese Integrationsproblematik zu lösen.

Also keine schlaflosen Nächte wegen Apple?
Nein. Allen Beteiligten muss aber klar sein: Wird das EPD nicht zu einem attraktiven Gesamtpaket und erfolgt seine Einführung nicht mit Nachdruck, hat es in der Bevölkerung einen schweren Stand gegen Gesundheitsapplikationen von Apple & Co. Gleichzeitig gibt es sehr gewichtige Argumente für das EPD. Es hält die hiesigen Regulatorien ein und garantiert, dass die Gesundheitsdaten sicher in der Schweiz verwahrt bleiben. Ich sehe daher eher eine Koexistenz als eine Ablösung.



HEIME & SPITÄLER 5 DEZEMBER 2018