Gestaltungsimpulse für das Akutspital

Der Umgang mit dementen Patienten in Spitälern ist eine Herausforderung für das medizinische und pflegende Personal. Ein wissenschaftliches Projekt zeigt am Beispiel einer Station, dass die Gestaltung des gesamten Spitals von den gestalterischen Impulsen demenzsensibler Architektur profitieren kann.

▶ PROF. DR.-ING. GESINE MARQUARDT UND DR.-ING. KATHRIN BÜTER

Der neue Aufenthaltsbereich unterstützt Kontakte und Interaktionen und erleichtert die Beaufsichtigung der Patienten.

Welche Merkmale eine demenzsensible Architektur kennzeichnen, wird seit mehr als dreissig Jahren vorrangig im Bereich der stationären Altenpflege erforscht. Hier liegen vielfältige Erkenntnisse dazu vor, wie Architektur die Symptomatik und den Verlauf einer demenziellen Erkrankung positiv beeinflusst und gleichzeitig dazu beiträgt, Menschen mit Demenz eine Heimat in der Pflegeeinrichtung zu bieten. In Akutspitälern wird angesichts der demografischen Entwicklung deutlich, dass auch hier Konzepte für den Umgang mit Menschen mit Demenz notwendig sind. Fast die Hälfte aller Spitalpatienten ist über 65 Jahre alt und Studien zeigen auf, dass 40 Prozent von ihnen kognitive Beeinträchtigungen aufweisen, ein Fünftel zeigt demenzielle Symptome. Der Umgang mit diesen Patienten stellt die Spitäler vor besondere Herausforderungen. Dies ist nicht nur in medizinischer und pflegerischer Hinsicht der Fall, sondern auch bauliche und organisatorische Gegebenheiten müssen verändert werden. Ein Ansatz ist die Einrichtung interdisziplinärer Spezialstationen, auf denen ausschliesslich Menschen mit Demenz in einem für sie geeigneten Umfeld versorgt werden. Eine andere Möglichkeit ist es, möglichst viele Bereiche im Spital so zu gestalten, dass sie eine optimale Versorgung von Menschen mit Demenz ermöglichen.

Das demenzsensible Patientenzimmer mit dunklem Fussboden, Wandverkleidung in Holzoptik, und Farben zur Orientierung.

Die Aufgabe, allgemeine Spitalstationen demenzsensibel zu gestalten, stellt für Architektinnen und Architekten eine herausfordernde Planungsaufgabe dar. Es sind nicht nur die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu berücksichtigen, sondern es muss eine architektonische Gestaltungsweise gefunden werden, die unerwünschte stigmatisierende Atmosphären vermeidet. Mit dem entsprechenden Fachwissen ist es jedoch möglich, vielfältige architektonische Gestaltungsmöglichkeiten zu erschliessen. Wie dies gelingen kann, ist beispielhaft im folgenden Projekt dargestellt. Dieses wurde auf einer Station für Innere Medizin im Diakonissenkrankenhaus Dresden unter Förderung der Robert Bosch Stiftung Stuttgart realisiert. Ziel war es, die vorab identifizierten räumlichen Defizite zu beseitigen. Diese betrafen insbesondere die fehlenden Aufenthalts- und Beschäftigungsmöglichkeiten, das verwirrende Orientierungssystem und die sehr funktionalen, institutionell wirkenden Patientenzimmer.

Neuer Aufenthaltsbereich mobilisiert

Die Mobilisierung und Beschäftigung von Patienten mit Demenz während ihres Spitalaufenthaltes ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Behandlung und Pflege. Dafür ist ein Raum notwendig, der gern aufgesucht wird und Aufenthaltsqualitäten bietet. Dieser wurde an zentraler Stelle auf dem Stationsflur und in unmittelbarer Nähe zum Dienstzimmer durch eine Fluraufweitung geschaffen. Die räumliche und visuelle Nähe zum Dienstzimmer sollte Kontakte und Interaktionen stärken und die Beaufsichtigung der Patienten erleichtern. Es werden Sitzgelegenheiten und verschiedene Möglichkeiten zur Aktivierung und Beschäftigung der Patienten geboten. So wird über einen in die Wand integrierten Bildschirm ein Aquarium simuliert. Eine Audiostation bietet die Möglichkeit, Musik und Kurzgeschichten anzuhören. Weiterhin werden Lesematerialien in Form von Büchern und Bildbänden ausgelegt.

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass der neue Aufenthaltsbereich zu einer deutlichen Steigerung der Aktivitäten und Interaktionen von Patienten mit Demenz auf der Spitalstation führt. Er fungiert zudem als räumlicher Ankerpunkt: Durch seine zentrale Lage und die ständige visuelle sowie akustische Anbindung an die Pflegefachkräfte stellt er einen wichtigen Knotenpunkt der Kommunikation und Aktivität für Patienten mit Demenz dar. Die Nähe zu den Stationsmitarbeitern vermittelt ihnen das Gefühl von Sicherheit und Teilhabe. Auch die Pflegefachkräfte geben an, nun innerhalb ihrer Pflegeroutine und trotz der begrenzten personellen und zeitlichen Kapazitäten mehr Aktivierungsmöglichkeiten anzubieten und Patienten mit Demenz besser gerecht werden zu können. Ihre Arbeitszufriedenheit erhöhte sich insgesamt.

Orientierung im Patientenzimmer
In den Patientenzimmern herrschte ein funktionales und institutionelles Ambiente vor. Orientierungshilfen waren kaum vorhanden und den Patienten fiel es in den Doppelzimmern mitunter schwer, ihre Betten, Kleiderschränke oder die Ablagen im Bad korrekt zuzuordnen. Dies schränkte ihre Selbstständigkeit ein und bot Konfliktpotenzial zwischen Zimmernachbarn. Im Rahmen der Umgestaltung der Zimmer wurde ein neuer Fussbodenbelag in warmer und dunkler Farbigkeit verlegt, um die Behaglichkeit und klare Raumorientierung zu fördern. Medizinische Geräte und Medientechnik wurden durch eine Wandverkleidung in Holzoptik verdeckt und treten somit in den Hintergrund. Innerhalb der Zimmer wurden zudem verschiedene Orientierungshilfen eingesetzt. So wurden die persönlichen Bereiche der Patienten, wie der Kleiderschrank und die Garderobe, farblich markiert. Diese Farben kehren auch in den Patientenbädern wieder und kennzeichnen dort die persönlichen Ablageflächen und Handtuchhalter der Patienten. Des Weiteren erhielt die Tür zum Patientenbad eine Beschilderung, bestehend aus dem grossformatigen Symbol einer Badewanne und dem Schriftzug «Bad». Das Auffinden des Badezimmers in der Nacht wird durch ein Lichtband, welches in die Sockelleiste an der Wand gegenüber den Betten sowie oberhalb der Badezimmertür installiert ist, erleichtert. Eine Unterstützung der zeitlichen und situativen Orientierung erfolgt über eine analoge Uhr und ein Wandbild, welche gegenüber den Betten platziert wurden. Das Wandbild zeigt das Logo des Spitals, die Zimmernummer und ein regionales Bildmotiv. Die Anreicherung der Umwelt mit den beschriebenen Orientierungshilfen erweist sich als hilfreich zur Unterstützung der Selbstständigkeit der Patienten. Insbesondere das Beschilderungs- und Lichtleitsystem erleichtert das Auffinden des Bades.

Ein demenzsensibles Leitsystem mit grossformatigen Zimmernummern, einem regionalen Bildmotiv und farblichen Akzenten. Quelle: BÜTER/MARQUARDT (3)

Im Rahmen der Umsetzung eines neuen Leitsystems erhielten alle Patientenzimmertüren Beschilderungen, bestehend aus der grossformatigen Zimmernummer und einem regionalen Bildmotiv, welches auf Basis einer Vorstudie ausgewählt wurde. Das Bild an der Patientenzimmertür ist mit dem Wandbild in dem jeweiligen Zimmer identisch, wodurch die Einprägsamkeit und der Wiedererkennungswert gesteigert werden sollen. Der Stationsflur erhielt einen hellen Farbanstrich, eine farbliche Akzentuierung der Patientenzimmertüren sowie Schriftzüge und Symbole an patientenrelevanten Räumen zur Unterstützung der räumlichen Orientierung. Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass die neuen Beschilderungen eine Hilfestellung für die Patienten bei der Orientierung auf der Station darstellen. Die Verwendung von zwei Informationsebenen (Zimmernummer und Bild) und auch das Wiederholen der Informationen in den Patientenzimmern erweisen sich als sinnvoll. Auch wenn sich die Patienten vermutlich eher die Zahl und nicht das Bild merken, dient es als zusätzliche Orientierungshilfe sowie als Gestaltungs- und Kommunikationselement. Dieses Projekt zeigt am Beispiel einer Station auf, dass die Gestaltung des gesamten Spitals von den gestalterischen Impulsen demenzsensibler Architektur profitieren kann. Dank der Berücksichtigung der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und einer guten architektonischen Planung entsteht eine ästhetisch qualitätsvolle Umgebung, die räumlich und visuell gut erfassbar ist, Sicherheit vermittelt sowie Wohlbefinden und Genesung fördert. Davon profitieren alle Menschen, die sich in der Ausnahmesituation eines Krankenhausaufenthaltes befinden.

Neues Leitsystem
Das bestehende Leitsystem der Station war kaum nutzeroptimiert. So wiesen die Beschilderungen der Patientenzimmer sowohl eine fünfstellige Raumnummer auf, die für die spitalinterne Organisation erforderlich war, als auch eine eigentliche Zimmernummer, die stationsintern genutzt wurde. Für einige Patienten war es mit Schwierigkeiten verbunden, die Beschilderung aufgrund der kleinen Schriftgrösse wahrzunehmen. Auch kam es hinsichtlich der beiden Nummerierungen zu Irritationen.

❱ Tagung «Architektur für Menschen mit Demenz»: Konzepte für das Krankenhaus und den Übergang in die Häuslichkeit am am 7. Mai 2019 in Dresden.

Prof. Dr.-Ing. Gesine Marquardt ist Architektin und Professorin für Sozial- und Gesundheitsbauten an der TU Dresden. Sie erforscht und plant demenzsensible Architekturkonzepte in Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäusern.

Dr.-Ing. Kathrin Büter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sozial- und Gesundheitsbauten der TU Dresden.



HEIME & SPITÄLER 5 DEZEMBER 2018