Das Gesundheitssystem braucht jetzt mutige, neue Ideen

Man hört es überall: Das Gesundheitssystem ist am Ende. Die Bürger haben genug davon, dass ihre Krankenkassenprämien jedes Jahr steigen, während die Reserven der Kassen wachsen. Sie haben genug von den zunehmenden Einschränkungen wie etwa bei der freien Wahl von Klinik und Arzt, einer Freiheit, die im Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) verankert ist.

Die Bürger haben genug, obwohl sie noch nicht einmal alle Mängel des Systems kennen. Zum Beispiel Spitalaufenthalte: Wussten Sie, dass die Schweiz den Europarekord bei stationären Eingriffen hält? Der Anteil liegt bei 81 Prozent gegenüber nur 19 Prozent ambulanter Eingriffe (bei welchen der Patient nach Beobachtung am gleichen Tag nach Hause kann). In den USA sind die Anteile umgekehrt, und in Europa nehmen die ambulanten Eingriffe deutlich zu. Grund für die Schweizer Verhältnisse ist die Finanzierung. Heute bezahlen die Kantone 55 Prozent der stationären Spitalrechnung und die Grundversicherung die restlichen 45 Prozent. Andererseits übernimmt die Krankenkasse die gesamten Kosten (100 Prozent) für den gleichen Eingriff ohne Übernachtung. Daher ist der Anreiz für die Versicherer gross, stationäre Eingriffe zu favorisieren.

Das nationale Parlament brütet derzeit über der einheitlichen Finanzierung der Spitalkosten. Stationär und ambulant könnten gleich finanziert werden: 25,5 Prozent durch die Kantone, 74,5 Prozent durch die Krankenkassen. Theoretisch ist diese Umverteilung zu begrüssen. Doch da gibt es einen weiteren Missstand: die Macht der Kantone. Im derzeitigen System bestimmen diese ihre Gesundheitspolitik, erstellen die Spitalplanung und sind sowohl Spitalbesitzer wie Aufsichtsbehörde. Anders gesagt, sie sind gleichzeitig Richter, Partei und Kontrolleur. Bei einer einheitlichen Finanzierung, wie sie auf Bundesebene vorgeschlagen wird, würden sie ihre Rolle auch auf den ambulanten Bereich ausweiten.

Wo die kantonalen Behörden pragmatisch sind, müssen die Bürger keine Auswirkungen protektionistischer Tendenzen fürchten. Dies betrifft jedoch nur eine Minderheit der Kantone, darunter Bern. Anderswo, vor allem in den Kantonen Waadt, Genf, Neuenburg und auch Zürich, gibt es Anlass zur Sorge. Die derzeitige Einschränkung der freien Wahl von Klinik und Arzt, ein zentrales Prinzip des KVG, würde auch auf den ambulanten Bereich ausweitet, unabhängig von qualitativen und wirtschaftlichen Kriterien. Dies zeigt sich dieser Tage im Kanton Neuenburg. Die Regierung hat den Antrag der KliKliniken La Providence (Neuenburg) und Montbrillant (La Chaux-de-Fonds) für zusätzliche Quoten für orthopädische Eingriffe abgelehnt, obwohl die öffentlichen Spitäler diese Fälle in nützlicher Frist gar nicht behandeln können. Im Sommer hat diese Regierung ausserkantonale Spitalaufenthalte ihrer Bürger eingeschränkt. Diese doppelte Bevormundung der Neuenburger zeigt exemplarisch, wie verheerend sich die Rollenkumulation der Kantone auswirkt. Besonders bedenklich ist die Haltung des Regierungsrates, weil die Bürger durch eine gesunde Zusammenarbeit zwischen privatem und öffentlichem Sektor nur profitieren würden. Wie Stefan Meierhans, der Preisüberwacher des Bundes, kürzlich gezeigt hat, sind die Kosten pro Eingriff (Baserate) in den öffentlichen Spitälern höher (1), wobei diese einen sehr bedeutenden Betrag erhalten, der für gemeinwirtschaftliche Leistungen (GWL) bestimmt ist.

Reförmchen reichen heute nicht mehr. Das System muss überdacht werden, und die Bürger müssen im Mittelpunkt stehen. Niemand bestreitet das, doch unterschiedliche Interessen blockieren jeden Fortschritt. Für die Versicherer ist der ideale Bürger gesund und stirbt plötzlich an einem Herzinfarkt. Für den Spitaldirektor bleibt der ideale Bürger möglichst lange in der Klinik und kommt immer wieder zurück. Das Interesse der Bürger ist dagegen ein ganz anderes.

Deshalb braucht es neue Modelle. Wenn dort, wo sie vorteilhaft sind, öffentlich-private Partnerschaften aufgebaut werden sollen, müssen neue Wege beschritten werden. Ein solcher ist das Modell der Gruppe Kaiser Permanente in den USA. Diese kalifornische Organisation bietet gleichzeitig eine Krankenversicherung an und hat eigene Ärzte und Kliniken. Die Prämien dienen in erster Linie der Förderung der Gesundheit der Bürger durch Präventionsprogramme und personalisierte Betreuung, insbesondere durch vernetzte Tools. Dies führt zu schlankeren Strukturen, tieferen Kosten und einer gezielten und effektiveren Prävention. Die Idee ist nicht utopisch und erfordert keine grösseren Gesetzesänderungen. Das Schwierigste ist zweifellos, den Mut für einen Paradigmenwechsel aufzubringen.

www.spitaltarife.preisueberwacher.ch

ANTOINE M. HUBERT, Gründer des Swiss Medical Networks und Delegierter des Verwaltungsrates der Aevis Victoria SA



HEIME & SPITÄLER 5 DEZEMBER 2018