Antibiotika-Resistenzen in Schweizer Alters- und Pflegeheimen

Die aktuelle Studie zeigt eine deutliche Zunahme von ESC-R in Bakterienisolaten von Alters- und Pflegeheimbewohnern in der Schweiz über die letzten elf Jahre. Es müssen Massnahmen getroffen werden, welche die weitere Ausbreitung resistenter Erreger in diesem Hochrisikosetting verhindern.

▶ DR. MED. PHILIPP KOHLER

Antibiotikaresistente Bakterien gehören zu den grössten Bedrohungen der modernen Medizin. In vielen Ländern konnte gezeigt werden, dass Bewohner von Alters- und Pflegeheimen häufiger mit resistenten Erregern besiedelt oder infiziert sind als die Normalbevölkerung. Man geht davon aus, dass antibiotikaresistente Bakterien durch den regen Patientenaustausch zwischen Akut- und Langzeitinstitutionen häufig zwischen diesen beiden Settings ausgetauscht werden.

Die Situation bezüglich Antibiotikaresistenzen in Schweizer Alters- und Pflegeheimen ist unklar bis auf einzelne Publikationen aus der Westschweiz, welche zeigen, dass sogenannte Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) weit verbreitet sind. Aufgrund dieses Mangels an Daten hat ein Team aus Infektiologen aus der ganzen Schweiz Resistenzmuster von Bakterienisolaten untersucht, welche zwischen 2007 und 2017 an das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen (ANRESIS) in Bern geschickt wurden und welche eindeutig einer Langzeitinstitution zugeordnet werden konnten. Neben den bereits erwähnten MRSA, welche häufig Haut-/Weichteilinfekte verursachen, wurde dabei der Fokus auf sogenannte extended-spectrum cephalosporin-resistente (ESC-R) Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, welche im Gegensatz zu MRSA vornehmlich für Harnwegsinfekte verantwortlich sind, gelegt. Die Besiedelung mit ESC-R- (oder ESBL-) Erregern hat in den letzten Jahren sowohl bei Patienten im Akutspital als auch in der gesunden Bevölkerung klar zugenommen. Schwere Infektionen mit diesen Bakterien lassen sich meist nur mit Breitspektrum-Antibiotika, den sogenannten Carbapenemen, behandeln. In der vorliegenden Studie wurde einerseits die Häufigkeit von MRSA und ESC-R über die letzten elf Jahre hinweg beschrieben, andererseits wurden auch Faktoren identifiziert, welche mit dem Auftreten dieser Resistenzen assoziiert sind. Zusätzlich wurde analysiert, wie gut die ANRESIS-Datenbank die Situation in den Schweizer Alters-/Pflegeheimen repräsentiert. Zu diesem Zweck wurde ein Deckungsgrad berechnet, welcher in einer Prozentzahl ausdrückt, wie viele der Gesamtbetten pro Kanton in der Datenbank abgebildet sind.

Resultate der Studie
Es wurden insgesamt über 16 000 Patientenproben untersucht. Eine Mehrheit davon, nämlich 72 Prozent, stammte aus der lateinischen Schweiz. Bezüglich MRSA konnte ein deutlicher Rückgang über die Zeit beobachtet werden, von 34 Prozent 2007 auf 26 Prozent 2017. MRSA waren häufiger in Isolaten aus der lateinischen Schweiz (circa 42 Prozent aller S. aureus) als in solchen aus der Deutschschweiz (circa 20 Prozent) zu beobachten. Im Gegensatz dazu fand sich ein deutlicher Anstieg von ESC-R E. coli und K. pneumoniae von 5 Prozent 2007 auf 22 Prozent 2017. Neben der geografischen Herkunft (lateinische Schweiz 14 Prozent; Deutschschweiz 10 Prozent) war auch das Geschlecht der Patienten (Männer 14 Prozent; Frauen 12 Prozent) assoziiert mit dem Vorhandensein von ESC-R.

Schweizweit zeigte sich ein Deckungsgrad von 9 Prozent, was bedeutet, dass nur 9 Prozent aller Alters- und Pflegeheimbetten in der Schweiz im Meldesystem ANRESIS repräsentiert sind. Der Deckungsgrad war sehr unterschiedlich zwischenden verschiedenen Kantonen und reichte von 0 Prozent bis zu 58 Prozent. Im Median lag die Deckungsrate in lateinischen Kantonen bei 13 Prozent und bei 0 Prozent in der Deutschschweiz.

Diskussion und Ausblick
Diese Studie zeigt eine deutliche Zunahme von ESC-R in Bakterienisolaten von Alters- und Pflegeheimbewohnern in der Schweiz über die letzten elf Jahre. Der Anteil von 22 Prozent ESC-R für das Jahr 2017 ist dabei deutlich höher als der Anteil an ESC-R in Isolaten aus Akutspitälern, welcher bei rund 7 Prozent liegt. Dies deutet darauf hin, dass diese Art von Antibiotikaresistenzen in Schweizer Institutionen sehr verbreitet ist, vergleichbar mit der Situation in unseren Nachbarländern.

Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse wird für das Jahr 2019 die Durchführung einer Punktprävalenzstudie in verschiedenen Alters- und Pflegeheimen in der lateinischen und der Deutschschweiz geplant. Diese Studie soll dabei nicht nur klären, wie hoch die tatsächliche Prävalenz von resistenten Erregern unter den Bewohnern ist, sondern auch, wie hoch der Antibiotikaverbrauch in den Institutionen ist. Es ist bekannt, dass der vermehrte Einsatz von Antibiotika zu einer Selektion von resistenten Erregern führt, welche dann innerhalb einer Institution einfach von Bewohner zu Bewohner übertragen werden können. Nach Vorliegen dieser Ergebnisse sollen dann weitere Massnahmen getroffen werden, welche die weitere Ausbreitung resistenter Erreger in diesem Hochrisikosetting verhindern sollen. Denkbar sind Massnahmen zur Reduktion des Antibiotikaverbrauches inklusive eines möglichst geringen Einsatzes von Urin-Dauerkathetern (da dies das Infektrisiko erhöht) und Massnahmen zur Einhaltung und Verbesserung der Händehygiene in den Heimen.

Dr. med. Philipp Kohler ist ein infektiologischer Oberarzt und klinischer Epidemiologe. Nach seiner Ausbildung am Universitätsspital Zürich sowie einem Forschungsaufenthalt in Toronto, Kanada, arbeitet er aktuell in der Klinik für Infektiologie des Kantonsspitals St. Gallen. Er ist ausserdem aktiv in der Forschung tätig, wo er sich vornehmlich mit der Epidemiologie von antibiotikaresistenten Bakterien beschäftigt.



HEIME & SPITÄLER 4 OKTOBER 2018