Mediator zwischen Patient und Leistungserbringer

Digitale Coaches, auch Chatbot oder virtueller Assistent genannt, unterstützen in der Medizin bereits erfolgreich in der Verwaltung, Prävention und Therapie. Drei Beispiele aus der Praxis zeigen die Möglichkeiten.

▶ TOBIAS KOWATSCH

Einen digitalen Coach beauftragen, der sich um das Wohl von Patienten im Alltag kümmert, wenn man selbst als pflegende Fachperson, Ärztin oder Arzt bereits die nächste Patientin persönlich betreut? Einen digitalen Coach einsetzen, um Sprechstunden oder Operationen vor- und nachzubereiten? Oder einen digitalen Coach nutzen, um kritische Gesundheitszustände im Alltag zu beobachten, welche dann rechtzeitig erkannt und im Spital behandelt werden können? All dies sind Beispiele, in welchen Leistungsbringer digitale Behandlungspfade definiert haben, um ihre Patientinnen und Patienten strukturiert und individuell mithilfe eines digitalen Coaches – auch Chatbot, virtueller Assistent oder «conversational agent» genannt – zu betreuen. Im Alltag zur Prävention oder Therapie, zur Vorbereitung eines Spitalaufenthalts oder zur Nachbetreuung. Wie in Abbildung 1 dargestellt, kann der digitale Coach so die Rolle eines skalierbaren Mediators zwischen Leistungserbringer, Patient und Angehörigem einnehmen. Spezialisierte digitale Coaches gibt es bereits viele auf dem Markt, wie beispielsweise Florence (getflorence.co.uk ),Lark (lark.com) oder Babylon (babylonhealth.com). Auch mit der Open Source-Verhaltensplattform MobileCoach (www.mobile-coach.eu), welche an der ETH Zürich sowie den Universitäten St. Gallen und Zürich entwickelt wurde, können digitale Coaches für verschiedene Aufgabenbereiche ins Leben gerufen werden. Anhand von drei Beispielen soll dies gezeigt werden.

Der digitale Coach als Mediator zwischen Leistungserbringer, Patient und Angehörigen. (Klicken zum Vergrössern)

Therapie junger Patienten mit starkem Übergewicht
Die digitalen Coaches Anna und Lukas werden derzeit im Rahmen einer klinischen Studie, die durch den Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird, unter anderem am Ostschweizer Kinderspital evaluiert. Im Rahmen der Adipositas-Sprechstunde «verschreiben» die behandelnden Ärzte den digitalen Coach als mobile App zur Nutzung im Alltag. Danach motivieren Anna und Lukas die jungen Patienten, therapierelevante verhaltensorientierte Ziele zu erreichen. Beispielsweise messen die digitalen Coaches die Alltagsaktivität mithilfe des Schrittzählers des Smartphones oder motivieren die Patienten ein Schrittziel pro Tag zu erreichen. Zudem unterstützen die digitalen Coaches die Patienten auch mit einer Entspannungsübung. Hier wird das Mikrofon des Smartphones genutzt, um eine tiefe Bauchatmung anhand der Ein- und Ausatmung in Echtzeit zu erkennen und zu fördern. Ab und an fordert der digitale Coach Patienten auf, das Ernährungsverhalten mithilfe von Fotos zu protokollieren. Die im Alltag der Patienten erhobenen Daten werden dann von Adipositas-Experten im Spital genutzt, um zielgerichtet die Intervention zu begleiten und individuell anzupassen.

Derzeit liegt der prozentuale Anteil der täglichen Zielerreichung der jungen Patienten am Ende des sechsmonatigen Programms bei circa 57 Prozent und es konnte gezeigt werden, dass die Patienten sehr zufrieden mit ihren digitalen Coaches Lukas und Anna sind.

Die digitalen Coaches Anna und Lukas unterstützen junge Patienten mit starkem Übergewicht. (Klicken zum Vergrössern)

Erhebung des Krankheitsverlaufs bei Asthma
Am Kantonsspital St. Gallen sowie an der Universität Zürich erhalten Patienten im Rahmen einer Asthma-Studie in einer ersten Sprechstunde ein Smartphone mit Clara, einer digitalen Studienassistentin. Clara begrüsst die Patienten herzlich und hilft den Patienten einen ersten Fragebogen auszufüllen. Dann wird Clara eingesetzt, um nächtliches Husten von Patienten in deren Alltag aufzuzeichnen und dem Patienten jeden Morgen einen kurzen medizinischen Fragebogen zum Ausfüllen zuzustellen. Ziel ist es, Informationen über das Asthma eines Patienten zu sammeln, damit Prognosen über den Krankheitsverlauf gemacht werden können.

Im Rahmen der Studie füllen Patienten während der einmonatigen Studienlaufzeit jeden Morgen einen Fragenbogen aus. Falls Patienten dies einmal vergessen sollten, schreibt Clara mittags automatisch eine Erinnerungs-SMS. Vergisst ein Patient den Fragebogen am nächsten Tag nochmals auszufüllen, schreibt Clara mittags automatisch eine Mail an eine Studienassistentin. Der Patient wird daraufhin telefonisch kontaktiert, um allfällige Probleme zu besprechen. Bislang haben knapp über 30 Patienten an der Studie teilgenommen. Eine erste Analyse von 22 Patienten hat gezeigt, dass 90 Prozent der Patienten die Studie erfolgreich beendet haben. Diese Patienten haben mehr als 98 Prozent aller Fragebögen vollständig ausgefüllt und es wurden 95 Prozent aller Nächte korrekt aufgezeichnet. Zudem wird deutlich, dass Clara von den Patienten und den echten Studienassistentinnen geschätzt wird und sich nahtlos in den Klinik- und Patientenalltag einfügt. Clara nimmt den Studienassistentinnen nicht nur Arbeit ab, z. B. das lästige Abtippen von Fragebögen, sondern ermöglicht es darüber hinaus, den Studienverlauf eines Patienten genau zu verfolgen und zu intervenieren, falls Probleme entstehen.

Beobachtung nach einer kardialen Rehabilitation
Kardiovaskuläre Erkrankungen stellen die Hauptursache von Todesfällen und Hospitalisierungen dar. So treten in der Schweiz etwa 7000 Personen pro Jahr eine stationäre kardiovaskuläre Rehabilitation, beispielsweise nach einem Herzinfarkt, an. Neben der Reintegration in den Alltag setzen die Rehabilitationsprogramme vor allem auf eine Unterstützung eines gesunden Lebensstils sowie der Umsetzung einer adäquaten medikamentösen Sekundärprophylaxe. Vor diesem Hintergrund wird ein digitaler Coach in verschiedenen Schweizer Rehakliniken im Rahmen einer Beobachtungsstudie eingesetzt, um wichtige Erkenntnisse über Verhalten und Wohlbefinden der betroffenen Personen zu gewinnen. Mit dem digitalen Coach werden beispielsweise Lebensqualität, Affekt, Symptome der Anpassungsstörung, soziale und kognitive Faktoren erhoben. Dies erfolgt mithilfe eines digitalen Tagebuchs auf einem Tablet, zunächst für 7 Tage in der stationären Rehabilitation und anschliessend für 21 Tage nach der Entlassung. Ähnlich wie bei den ersten beiden Beispielen, unterstützt der digitale Coach hier das Studienteam mit Mitteilungen via E-Mail, falls eine Person das digitale Tagebuch einmal nicht ausfüllen konnte.

Allen Beispielen ist gemeinsam, dass das eingesetzte Smartphone oder Tablet, auf welchem die Coaching App installiert ist, immer eine stabile Internetverbindung erfordert, da sonst, wie bei anderen Messaging Apps auch, die Interaktion mit dem digitalen Coach nicht möglich wäre.

Die Entwicklung solcher MobileCoachbasierter digitaler Behandlungspfade erfordert zumeist ein interdisziplinäres Team mit gesundheitspsychologischer, medizinischer und technischer Expertise. Die Dauer der Entwicklung variiert zwischen wenigen Wochen für einfache Gesundheitskompetenzinterventionen bis hin zu mehreren Jahren, falls Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit eines Behandlungspfads im Rahmen einer randomisiert kontrollierten Studie festgestellt und weitere Anforderungen wie beispielsweise an das Medizinproduktegesetz erfüllt sein müssen.

Prof. Dr. Tobias Kowatsch ist Assistenzprofessor für digitales Gesundheitswesen an der Universität St. Gallen (HSG) und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für digitale Gesundheitsinterventionen am Institut für Technologiemanagement der HSG sowie am Departement für Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich (www.c4dhi.org).



HEIME & SPITÄLER 3 AUGUST 2018