"Wir brauchen mehr Flexibilität"


Fünf Fragen an Laurent Wehrli, den neuen Präsidenten von Curaviva Schweiz.

▶ INTERVIEW: FLORIAN FELS

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl! Welche Themen haben für Sie als Präsident Priorität?
Laurent Wehrli: Vielen Dank! Die Liste an Themen ist wirklich lang. Aber zwei Punkte möchte ich besonders hervorheben: Zum einen etwas Grundsätzliches. Wir sprechen sehr viel über Infrastruktur, Technik und Kosten. Das ist schon richtig, aber dabei ist mir ganz wichtig, dass wir die Menschen nicht vergessen, um die es geht. Und damit meine ich ausdrücklich beide Gruppen: Die Mitarbeitenden sowie auch die Bewohner und Bewohnerinnen von Pflegeheimen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Kinder und Jugendliche. Im Mittelpunkt muss immer der Mensch stehen. Und in diesem Sinne beschäftigen mich in der Langzeitpflege besonders die neuen Wohn- und Pflegemodelle. So, wie wir es in unser Vision 2030 formuliert haben. Die Menschen, die heute um die 65 Jahre alt sind, werden im Alter andere Bedürfnisse haben als die Generation vor ihnen. Sie möchten viel selbstbestimmter Leben und fordern andere Dienstleistungen und Serviceangebote. Das müssen wir heute schon planen und vorbereiten.

Laurent Wehrli wurde am 19. Juni 2018 neuer Präsident von Curaviva Schweiz.

In der öffentlichen Diskussion stehen besonders die Themen Personalknappheit und Pflegefinanzierung im Vordergrund. Wie beurteilen Sie die Situation?
Natürlich, das sind zwei unserer grössten Herausforderungen. Hier ist besonders die Politik gefordert, neue Finanzierungsmodelle zu erarbeiten. Das wichtigste Stichwort für mich ist dabei Flexibilität. Für die neuen Wohn- und Pflegemodelle brauchen wir angepasste flexible Finanzierungsmöglichkeiten. Hier ist noch viel zu tun. Mit unseren alten, starren Finanzierungsmodellen kommen wir nicht mehr weiter. In Bezug auf die Personalsituation haben wir natürlich ein doppeltes Problem. Einerseits gibt es immer mehr ältere Menschen, für die wir mehr Personal brauchen. Anderseits gehen in den nächsten Jahren sehr viele Pflegerinnen und Pfleger in Pension und müssen ersetzt werden.

Aber wie wollen Sie diese Lücken füllen?

Eine Antwort lautet: Mehr Bildung! Wir sehen zum Beispiel ein grosses Potenzial in Frauen, die aufgrund ihrer familiären Situation mit kleinen Kindern bisher nicht ausserhalb des Haushalts gearbeitet haben. Viele sind offen für einen Pflegeberuf, aber die lange Ausbildung schreckt sie ab. Für sie müssen wir geeignete Ausbildungsmöglichkeiten schaffen, die sie schnell und kompetent befähigen, berufstätig zu werden. Curaviva engagiert sich schon seit vielen Jahren in der Ausund Weiterbildung, das werden wir weiter ausbauen. Wir kämpfen dafür, dass es Menschen erleichtert wird, den Betreuungs- oder Pflegeberuf zu ergreifen.

Wie sieht es aus mit den digitalen Entwicklungen, erste Versuche mit Pflegerobotern verlaufen ja durchaus positiv und könnten ebenfalls eine Antwort auf die Personalknappheit sein?
Absolut. Hier gibt es ganz neue Möglichkeiten und Chancen und die müssen auch genutzt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen, die in den nächsten Jahren ins höhere Alter kommen, digitale Erfahrung haben. Sie sind den Umgang mit einem Smartphone gewohnt und offen für digitale Lösungen. Wir sollten alles nutzen, was uns in unserer Arbeit unterstützt und Prozesse einfacher macht. Wichtig ist dabei aber, wie schon erwähnt, dass der Mensch weiterhin im Mittelpunkt steht. Wir wollen keine neue Technik um der Technik willen. Aber sinnvolle Lösungen müssen wir konsequent nutzen. Das gilt auch für die Menschen, die in der Pflege arbeiten. Anwendungen, die beispielsweise die Administration erleichtern, sparen Zeit, die dann wiederum den Bewohnern in der persönlichen Zuwendung gewidmet werden kann.

Wenn Sie einmal das Zepter weitergeben als Präsident, was sollte man dann in einem Satz über Ihre geleistete Arbeit sagen?
Da muss ich Sie enttäuschen. Über meine Arbeit müssen dann andere urteilen. Mein Motto ist: Alleine kannst Du nichts erreichen, nur zusammen sind wir stark. Vielleicht kann ich helfen, es geht aber nur, wenn wir alle bei Curaviva Schweiz zusammen an einem Strang ziehen, Mitglieder, Mitarbeiter, Geschäftsführung und Vorstand. Dann können wir einiges erreichen. Darauf freue ich mich.

Herr Wehrli, wir danken Ihnen für das Gespräch.



HEIME & SPITÄLER 3 AUGUST 2018