Es geht voran

Das elektronische Patientendossier (EPD) kommt. Bis Mitte April 2020 müssen alle Spitäler, Psychiatrie- und Reha-Kliniken in der Schweiz der digitalen Vernetzung angeschlossen sein – Pflegeheime und Geburtshäuser haben zwei Jahre länger Zeit. Wie ist der aktuelle Stand der Umsetzung und welche Themen müssen noch vorbereitet werden?

▶ ADRIAN SCHMID

Die Arbeiten zur Einführung des EPD laufen in allen Kantonen – mal mehr, mal weniger intensiv. Die zukünftigen Anbieter eines EPD sind organisatorische Zusammenschlüsse von Gesundheitsfachpersonen und ihren Einrichtungen: sogenannte «Gemeinschaften» oder «Stammgemeinschaften». Mitglieder einer (Stamm-) Gemeinschaft sind etwa Spitäler, Pflegeheime, Geburtshäuser, Arztpraxen, Apotheken, Spitex-Dienste oder Rehabilitationskliniken. Die (Stamm-)Gemeinschaften können dezentral in den Versorgungsregionen entstehen. Denkbar sind auch nationale (Stamm-)Gemeinschaften, die bestimmte Berufsgruppen ansprechen – zum Beispiel eine Stammgemeinschaft der Apotheken oder der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte.

Momentan zeichnet sich ein knappes Dutzend (Stamm-)Gemeinschaften ab, wobei die überwiegende Mehrheit kantonale oder überkantonale Stammgemeinschaften in den Versorgungsregionen sein werden. Nicht alle haben sich bisher öffentlich positioniert, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind bis Anfang Mai 2018 elf Gesuche für Finanzhilfen für den Aufbau und die Zertifizierung von Stammgemeinschaften eingegangen. Ein weiteres Gesuch ist angekündigt.

Schritt für Schritt zum EPD
Die Einführung des EPD ist ein komplexes Zusammenspiel von rechtlichen, organisatorischen und technischen Voraussetzungen. Gerade die technische Umsetzung des EPD ist aufgrund der dezentralen Struktur in ihrer Komplexität weltweit einmalig. Nachdem die detaillierte Auswertung der Ergebnisse des Testanlasses «EPD-Projectathon» vom September 2017 gezeigt hat, dass die Vorgaben noch nicht so reif sind wie erwartet, wird der Bund die rechtlichen Grundlagen erst dann anpassen, wenn alle technischen Konzepte nachweisbar funktionieren. Das ist frühestens Mitte 2019 der Fall. Die ersten Zertifizierungen von (Stamm-)Gemeinschaften können somit voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2019 abgeschlossen werden. Am geplanten Einführungstermin im Frühjahr 2020 kann dennoch festgehalten werden, weil das EPD bis zu diesem Zeitpunkt schrittweise aufgebaut und getestet wird. Neben den rechtlichen Grundlagen des Bundes sind auch andere Akteure gefordert, die Vorbereitungsarbeiten für die Einführungsarbeiten voranzutreiben, zum Beispiel:

  • Spitäler, Heime und andere Gesundheitseinrichtungen: Der Anschluss von Gesundheitsfachpersonen und ihrer Institutionen an das EPD wird oft als IT-Projekt verstanden, er ist aber intern auch eine organisatorische Herausforderung. Deshalb sollten die Arbeiten so früh wie möglich beginnen. Beispielsweise kann der Kontakt mit einer potenziellen (Stamm-)Gemeinschaft hergestellt werden. Oder bisherige Papierprozesse können digitalisiert und dabei von Beginn an die für das EPD geforderten Standards benutzt werden. Oder die Belegschaft kann sich mit den kostenlos von eHealth Suisse zur Verfügung gestellten Informationsmitteln auf die Einführung des EPD vorbereiten. Teilweise stellen Dachverbände ihren Mitgliedern zusätzliche Hilfestellungen zur Verfügung, bspw. CURAVIVA Schweiz.
  • Zukünftige (Stamm-)Gemeinschaften: Da die organisatorischen Zertifizierungsvoraussetzungen stabil sind, können die (Stamm-)Gemeinschaften den Aufbau ihrer Organisation trotz der Verzögerungen bei der Anpassung der technischen Zertifizierungsvoraussetzungen (Integrationsprofile und Metadaten) weiter vorantreiben. Die technischen Anbieter der EPD-Plattformen für die (Stamm-) Gemeinschaften können ihr Produkt schrittweise aus- und weiterentwickeln. Sie sind aufgefordert, an den regelmässigen Test-Anlässen bei der EPD-Referenzumgebung teilzunehmen.
  • Anbieter von Behandlungs-Software: Der nahtlose Zugang zum EPD wird für Gesundheitsfachpersonen nur möglich sein, wenn ihre Behandlungs-Software – die «Primärsysteme» – eng mit dem EPD verknüpft sind. Die Anbieter von Primärsystemen sind deshalb aufgefordert, ihre Produkte weiterzuentwickeln und an den regelmässigen Test-Anlässen bei der EPD-Referenzumgebung teilzunehmen. Gesundheitsfachpersonen und -einrichtungen können ihre IT-Anbieter darauf ansprechen.

Mehr als eine digitale Datenablage Dank all dieser Aufbauarbeiten sollen die Patientinnen und Patienten in der ganzen Schweiz ab 2020 mit dem EPD erstmals eine elektronische Sammlung persönlicher Dokumente mit Informationen rund um ihre Gesundheit zur Hand haben. Das Ziel des EPD geht dabei weit über eine einfache digitale Datenablage hinaus. Zusammen mit ergänzenden Massnahmen hat das EPD laut Bundesgesetz folgenden Zweck:

  • die Qualität der medizinischen Behandlung stärken;
  • die Behandlungsprozesse verbessern;
  • die Patientensicherheit erhöhen;
  • die Effizienz des Gesundheitssystems steigern;
  • die Gesundheitskompetenz der Patientinnen und Patienten fördern.

Der Zweckartikel weist den Weg, wie das EPD erfolgreich etabliert werden sollte, damit sein Potenzial ausgeschöpft wird. Denn allein der Ersatz von Fax und Briefpost durch eine digitale Sammlung von Dokumenten greift zu kurz. Die Stichworte im Zweckartikel sprechen Themen an, die in der Gesundheitspolitik an Bedeutung gewinnen. Konkret geht es um die Förderung der «koordinierten Versorgung», um die wachsende Bedeutung der «interprofessionellen Zusammenarbeit» unter den Gesundheitsberufen sowie um den Ruf nach mehr «Gesundheitskompetenz der Bevölkerung».

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Koordinierte Versorgung
In den gesundheitspolitischen Prioritäten «Gesundheit2020» hat der Bundesrat das Ziel formuliert, zeitgemässe Versorgungsangebote zu fördern. Die Strukturen, Prozesse und Angebote des ambulanten und stationären Gesundheitssystems sollen so weiterentwickelt und modernisiert werden, dass sie den demografischen und epidemiologischen Herausforderungen – besonders im Hinblick auf chronische und psychische Krankheiten – sowie den medizinisch-technischen Entwicklungen gerecht werden. Dazu soll die koordinierte Versorgung von der Früherkennung bis zur Palliative Care verbessert werden, um die Qualität der Versorgung zu erhöhen und unnötige Kosten zu vermeiden.

Die Einführung des EPD ist eine der Massnahmen, um dieses Ziel zu erreichen. Denn eine zeitgemässe koordinierte Versorgung ist mit Fax- und Briefversand nicht zu haben. Die Fachwelt ist sich einig, dass die digitale Vernetzung eine notwenige Voraussetzung für mehr Qualität, Patientensicherheit und Effizienz ist.

Interprofessionelle Zusammenarbeit
Es ist offensichtlich, dass die verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen in Zukunft vermehrt zusammenarbeiten müssen. Die Abläufe und Arbeitsmodelle bei der Patientenversorgung werden im elektronischen Zeitalter anders sein als in der analogen Welt. Insbesondere beim EPD kann eine Information für eine Vielzahl von Medizinern, Pharmazeuten, Pflegenden oder Therapeuten nützlich sein.

Vor diesem Hintergrund haben acht nationale Berufsverbände der Gesundheitsfachpersonen im Jahr 2014 die «Interprofessionelle Arbeitsgruppe elektronisches Patientendossier» (IPAG EPD) gegründet. Initiiert wurde die Gruppe massgeblich von den drei grossen Verbänden FMH (Ärzteschaft), pharmaSussise (Apotheker) und SBK (Pflege). Hauptziel der IPAG ist es, die Bedürfnisse und Anforderungen der anderen Berufsgruppen zu verstehen und prozessorientierte Lösungen zu erarbeiten, die von allen Gruppen getragen werden. Ein erstes Resultat dieser Arbeit sind die fachlichen Vorgaben für die eMedikation im Rahmen des EPD.

Es ist neu, dass die Berufsgruppen auf einer solchen fachlichen Ebene zusammenarbeiten. Deshalb sind auch die Erkenntnisse der Gruppe interessant, die über die fachliche Arbeit hinausgehen. In der Eingabe für den «SAMW-Award Interprofessionalität 2016» erwähnt die IPAG einige «Lessons Learned». So zeigte sich ein «erstaunlich ungenügendes Verständnis der Prozesse und Informationsbedürfnisse von Behandelnden anderer Berufsgruppen». Auch wird festgestellt, dass während einer Behandlung viel kommuniziert wird, allerdings «mehrheitlich unter ein- und derselben Berufsgruppe». Die IPAG sieht hier «ein hohes Verbesserungspotential in der Versorgungsqualität».

Gesundheitskompetenz der Bevölkerung
Gesundheitskompetente Menschen haben die Fähigkeit im Alltag Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf ihre Gesundheit auswirken. Dabei geht es darum, mit welchem Verhalten eine Person die eigene Gesundheit fördern, Krankheiten vorsorgen oder bewältigen kann. Ernährung, Bewegung, Suchtverhalten oder Entscheidungen in Behandlungssituationen sind Stichworte dazu.

Gemäss einer Studie des Bundes hat die Schweizer Bevölkerung vor allem bei der Krankheitsprävention Schwierigkeiten, Informationen zu verstehen und zu beurteilen. Auch hatten die Befragten Mühe, die Vor- und Nachteile einer Behandlung darzulegen oder einzuschätzen, wann eine zweite Meinung eines Arztes angezeigt ist.

Mit dem EPD werden die Möglichkeiten der Bevölkerung für ein gesundheitskompetentes Verhalten erweitert. So werden Patientinnen und Patienten über ein Zugangsportal die Dokumente rund um ihre Gesundheit einsehen können. Und sie entscheiden, welchen Gesundheitsfachpersonen sie welche Unterlagen zugänglich machen wollen – oder nicht.

Wenn das EPD breiter verstanden wird als eine Dokumentenablage, dann wird die digitale Vernetzung die Zusammenarbeit der Gesundheitsfachpersonen und die Rolle ihrer Patientinnen und Patienten nachhaltig verändern und verbessern. Vor diesem Hintergrund ist die EPD-Einführung zwar auch ein komplexes Informatikvorhaben – vor allem ist es aber ein Kulturprojekt zur Veränderung des Umgangs mit Patienten und ihren Unterlagen. Erfreulich ist, dass immer mehr der in den Regionen verantwortlichen Personen dieses Potenzial des EPD erkennen und die Aufbauarbeiten engagiert vorantreiben.

Adrian Schmid
ist seit Anfang 2008 Leiter von eHealth Suisse, der Kompetenz- und Koordinationsstelle von Bund und Kantonen.



HEIME & SPITÄLER 3 AUGUST 2018