Wartezeiten vor Spital-Aufzügen reduzieren


Lange Wartezeiten vor Aufzügen sind für viele Spitäler ein bekanntes Problem. Lösungen hierzu werden oftmals in der Erweiterung der Aufzugskapazität gesucht. Hierdurch werden jedoch lediglich die Symptome, nicht aber die Ursachen bekämpft. Ein alternativer und ganzheitlich ausgerichteter Lösungsansatz kommt aus dem Bereich der Logistikplanung, der bereits erfolgreich in Spitälern angewendet wird.

Beate Moll *, Dr.-Ing. Sebastian Wibbeling **

Die Reduzierung der Verweilzeiten bei gleichzeitiger Fallzahlerhöhung hat in den Spitälern zu einer Leistungsverdichtung geführt. Die dadurch erforderliche Leistungssteigerung ist nur durch die Erhöhung und Sicherstellung der zeitgerechten Durchführung der diagnostischen und therapeutischen Massnahmen umsetzbar, welches primäre Aufgabe der Logistik ist. Die Logistik muss die medizinischen Leistungsprozesse entsprechend der Personen- (Patient, Pflege, Ärzte, Service, Besucher etc.) und Materialströme (Lager, Apotheke, Speisen, Sterilgut, Geräte, Wäsche, Abfälle, Proben, Dokumente etc.) bedarfsgerecht zur richtigen Zeit in optimaler Weise unterstützen und dabei die hygienischen und medizinischen Anforderungen berücksichtigen.

Gründe, die zur verzögerten Freigabe nach 8 Uhr geführt haben (J. Unger et al: Zeitverzögerungen beim morgendlichen OP-Beginn, Anästhesist 2009). Klicken zum Vergrössern.

Erschliessungssystem
Im Rahmen von Neubau- oder Umbaumassnahmen ist bei der Planung eines Spitals die Frage zu beantworten, ob das geplante Erschliessungssystem für die bestehenden und zukünftigen Lastanforderungen ausreichend dimensioniert ist. Dies bedeutet nicht nur, einzelne Systemkomponenten (z.B. einzelne Aufzugsgruppen) losgelöst zu planen und zu bewerten, sondern vielmehr das Gesamtsystem im Blick zu haben. Sind die Prozesse im Gesamtsystem nicht aufeinander abgestimmt, erhöhen sich dabei häufig die Anforderungen an eine hohe Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Transportlogistik. Störungen entstehen oftmals dann, wenn die Logistik nicht an die über die Jahre gewachsenen baulichen Strukturen und Betriebsablaufänderungen angepasst wird. In diesem Zusammenhang stellt in vielen Spitälern insbesondere der vertikale Transport mit den Aufzügen ein Problem dar. Auch wenn die Aufzugskapazitäten in der Vergangenheit auf Grundlage der richtigen Kennzahlen ausreichend dimensioniert wurden, so hat die Transportbelastung durch die Leistungssteigerung deutlich zugenommen.

Die Folgen fallen bei den Aufzügen insbesondere in Form von langen Wartezeiten auf. Daraus resultiert zwangsläufig eine Überlastung des technischen Systems, was mittelfristig durch einen erhöhten Verschleiss zu zusätzlichen Ausfallzeiten und somit zu einer Verschlimmerung des Zustands führt. Mit der Erhöhung von Wartezeiten vor den Aufzügen steigt auch der Bedarf nach Warteflächen vor den Aufzügen sowie in allen vorgelagerten Bereichen. Hier entstehen zunehmend Ausgleichsflächen zur Vermeidung von Verspätungen in medizinischen Folgeprozessen. Ein verspäteter OP-Beginn ist in den meisten Fällen auf das verspätete Eintreffen des Patienten zurückzuführen. In diesem Zusammenhang wurde in den letzten Jahren unter anderem eine dem OP-Bereich vorgelagerte Holding Area entwickelt, die bei der Vermeidung kostspieliger Verzögerungen und Folgekosten durch Verzögerungen im OP-Ablauf helfen soll. Derartige Flächen entstehen also infolge von Transportproblemen und wären bei einem abgestimmten Gesamterschliessungskonzept nicht beziehungsweise in weit geringerem Masse erforderlich, was den Flächenverbrauch entsprechend reduzieren würde.

Überlastung der Personenaufzüge
Die Grundlage der Planung eines spitalspezifischen Gesamterschliessungskonzepts bildet die Erstellung einer zeitabhängigen und stromspezifischen Transportmengenmatrix. Anschliessend lässt sich das erfasste Leistungsaufkommen für spezifische Systemkomponenten in Bezug zur geplanten Leistung setzen. Damit ist erkennbar, in welchen Bereichen und zu welchen Zeiten das System in Über- oder Unterlast fährt. Noch wichtiger aber ist, dass auch die Gründe für mögliche Engpässe unmittelbar abgeleitet werden können. Im Beispiel ist eine generell deutliche Überlastung der Personenaufzüge zu erkennen, wobei bei den Bettenaufzügen lediglich in den Morgenstunden aufgrund der Bewegungen in den OP-Bereich die Belastungsgrenze annähernd erreicht wird.

Verkehrsaufkommen für vier Aufzugsgruppen in einem Krankenhaus der Maximalversorgung. Klicken zum Vergrössern.

Aufbauend auf die Erkenntnisse der aufbereiteten stromspezifischen Ist-Anforderungsdaten lässt sich ein ganzheitliches Soll-Erschliessungskonzept erarbeiten, in welchem ein wartezeitminimales Steuerungskonzept fixiert und dokumentiert wird. Hierin werden unterschiedliche Steuerungsstrategien miteinander verglichen und im Gesamtkontext bewertet. Neben der technischen Kapazität mit den jeweiligen technischen Leistungsparametern (z.B. Geschwindigkeit, Beschleunigung, Türöffnungs- und Türschliesszeiten) ist die Steuerung ein entscheidender Planungsparameter. Insbesondere in Bestandsbauten verspricht diese ein deutliches Verbesserungspotenzial, verglichen mit dem Bau eines neuen Fahrstuhlschachtes, bei geringeren Kosten.

Lenkung des Verkehrsstroms
Zusätzlich zu der Steuerung durch technische Systemkomponenten ist auch die generelle Lenkung des Verkehrsstroms im Gebäude ein wichtiger Garant für eine funktionierende Logistik. Sie wird durch geeignete Beschilderungskonzepte oder auch organisatorische Anweisung an Mitarbeiter erreicht. Hierdurch lässt sich das Lastaufkommen besser im Sinne einer optimalen Lastverteilung auf die verfügbaren vertikalen Erschliessungsknoten verteilen. Verfügbare Leistungsreserven können damit besser genutzt und so überlastete Bereiche und Systemkomponenten entlastet werden.

Die Projekterfahrung zeigt, dass ein ganzheitlicher Planungsansatz zur Erschliessung des Gesamtsystems Spital im Sinne einer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung ein sinnvolles Vorgehen ist. Grosse Bedeutung hat hierbei die strukturierte und systematische Erfassung des Verkehrsaufkommens und der spezifischen Anforderungen differenziert nach Stromgruppen. In diesem Kontext ist es hilfreich, wenn die zugehörigen Betriebsabläufe hinterfragt werden. Dies ermöglicht es, neue Strategien zur Steuerung und eine Optimierung des Gesamtsystems abzuleiten. Ein wesentliches Ziel aus Sicht des Logistiksystems ist die Nivellierung des Transportaufkommens. Dies führt in jedem Fall zu einer Entlastung und mehr Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems. Zusätzlich führt dies zu einer grösseren Mitarbeiterzufriedenheit.

* M. Sc. Health Care Management, Abteilung Health Care Logistics, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML
** Abteilungsleiter Health Care Logistics, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML



Heime und Spitäler Ausgabe März 1/2018