«Jedes eHealth-Projekt bedingt einen Kulturwandel»


Mit der zunehmenden Digitalisierung befindet sich das gesamte Gesundheitswesen im Umbruch. Aktuell befassen sich die Heime und Spitäler mit der Einführung des Elektronischen Patientendossiers (EPD). Ihre Vorarbeiten für das grösste eHealth-Projekt der Schweiz sind umfangreich und komplex. Adrian Schmid, Leiter von eHealth Suisse, hat die Übersicht. Er erläutert, warum drei beziehungsweise fünf Jahre Vorlaufzeit kurz sind und nennt die grössten Herausforderungen.


Interview: Erika Schumacher

Mit eHealth werden Informationen digital austauschbar. Sind Spitäler und Langzeitinstitutionen ohne weiteres bereit, ihre Daten und Dokumentationen weiterzugeben?
Adrian Schmid: Beim Elektronischen Patientendossier – dem grössten eHealth-Projekt der Schweiz – erübrigt sich diese Frage, weil der Gesetzgeber die Patientinnen und Patienten ins Zentrum stellt: Die Informationen und Daten rund um ihre Gesundheit gehören ihnen. Sie entscheiden, welche Gesundheitsfachperson welche Dokumente lesen darf. Bei den Gesundheitsinstitutionen allerdings bedingt jedes eHealth-Projekt, so auch das EPD, einen Kulturwandel.

Was bedeutet das?
Adrian Schmid: Bisher haben die Gesundheitsfachpersonen ihre Informationen rund um den Patienten vor allem für ihren eigenen Bereich dokumentiert. Jetzt, sobald sich ihre Institution digital öffnet, sollten sie die Patientenpfade im Auge behalten und sich überlegen, welche Informationen für die weitere Behandlung wichtig sind. Das fällt nicht immer einfach. Deshalb sind zum EPD auch Vorbehalte zu hören: Das EPD bringe nichts. Muss man tatsächlich so viel dafür machen? Wird das EPD wirklich funktionieren?

Wie reagieren Sie auf diese Skepsis?
Adrian Schmid: Wir appellieren jeweils an den Grundgedanken des EPD. Das Dokumentieren und der Austausch von wichtigen Informationen zur persönlichen Gesundheit sollte selbstverständlich sein. Im digitalen Zeitalter sollen sich die Patienten nicht mehr mit einem Wust von Papierunterlagen, Faxmitteilungen, CDs usw. herumschlagen müssen. Es ist Zeit, dass sie auch in unserem Land ein Instrument in die Hand bekommen, das ihnen den einfachen Zugang zu ihren Gesundheitsinformationen erlaubt. Da sind andere Länder der Schweiz voraus. Viele Menschen möchten bei der Behandlung ihrer gesundheitlichen Probleme besser mitreden und bei ihrem Gesundheitsverhalten mehr Verantwortung übernehmen können. Heute sind sie dabei oft überfordert. Kürzlich sagte ein Bekannter zu mir: Ich bin froh, dass das EPD kommt. Seit 30 Jahren sammle ich die Papiere zu meiner Krankengeschichte, mittlerweile füllen sie vier Bundesordner. Das ist umständlich und unübersichtlich. Und die Sammlung ist unvollständig. Einige Unterlagen habe ich nie ausgehändigt oder geschickt erhalten, andere wollte man mir auch auf Anfrage nicht geben.

Wie gelangen die Gesundheitsfachleute zum «Denken in Patientenpfaden»?

Adrian Schmid: Zum Beispiel nach einem Spitalaustritt muss ein Patient über das EPD den Zugang zu Informationen aus dem Spital weitergeben können. Das könnte etwa ein Austrittsbericht sein. Die Fachleute müssen also überlegen, welche Leistungserbringer ausserhalb des Spitals ihre Erkenntnisse benötigen – und gleichzeitig wichtige von weniger wichtigen Informationen unterscheiden. Im EPD sollen vor allem Dokumente abgelegt werden, die für andere behandlungsrelevant sind. Das ist nur ein Teil der Datenmenge, die mit der enormen Spezialisierung der Medizin in den letzten 30 Jahren in zahlreichen Einzelbereichen zusammengekommen ist.

Das EPD wirkt sich auch auf die interprofessionelle Zusammenarbeit aus. Welche Aufgaben haben die Berufsgruppen bei der Vorbereitung der EPD-Einführung?
Adrian Schmid: Die interprofessionelle Zusammenarbeit sollte verstärkt werden. Das bedingt, dass die Berufsgruppen ihre Kommunikationswege untereinander überprüfen. Zum Beispiel müssen Ärzteschaft und Pflege gemeinsam klären: Wie läuft die Übergabe vom ärztlichen Dienst an die Pflege? Wie kommuniziert die Pflege mit dem ärztlichen Dienst? Was ändert sich im Zusammenspiel, wenn wir auf digitalem Weg kommunizieren statt wie bisher Papierdokumente weiterleiten? Bringt uns die Digitalisierung andere und bessere Kommunikationsmöglichkeiten, auch über das EPD hinaus? Die gleichen Überlegungen gelten für den Informationsaustausch zwischen Apotheke und Ärzteschaft, stationärer Pflege und ambulanter Pflege und so weiter. Mit der Digitalisierung verändert sich die Kommunikation im gesamten Gesundheitswesen. Es ist nicht nur eine neue, sondern auch eine andere Kommunikation.

Das EPD dient also als Instrument zur Umsetzung einer neuen Kultur, die erst erarbeitet werden muss?
Adrian Schmid: Das ist sehr pointiert formuliert, geht aber in diese Richtung. Deshalb sollte die Einführung des EPD im Spital und im Heim ein strategisches Projekt der Unternehmensleitung sein. Die externe Kommunikation wird sich verändern. Die internen Fragen haben ebenfalls eine strategische Dimension. Die Unternehmensleitung muss sich überlegen: Stehen neben dem EPD weitere Vernetzungsprojekte an? Wie ist zum Beispiel der Stand in der digitalisierten Kommunikation mit unserem Zuweisernetz? Betreiben wir bilateral digitale Prozesse, die wir gleichzeitig mit der Arbeit für das EPD abdecken und hier bündeln können? Was priorisieren wir? Unser Rat an die Institutionen: Überlassen Sie die EPD-Umsetzung in Ihrem Haus nicht der IT-Abteilung. Zuerst braucht es klare Vorgaben vom Betrieb, die anschliessend von den Technikern umgesetzt werden.

Mit welchen Anliegen im Zusammenhang mit der EPD-Einführung kommen Heime und Spitäler zu Ihnen?
Adrian Schmid: Viele Fragen betreffen die dezentrale Umsetzung: Die Spitäler und Langzeitinstitutionen schliessen sich einer von rund 10 bis 15 regionalen EPDGemeinschaften an, diese vernetzen sich zum EPD. Die Gemeinschaften organisieren und finanzieren sich unterschiedlich. Manchen Institutionen bereitet die Finanzierung Sorgen: Welcher EPD-Gemeinschaft kann ich mich anschliessen? Ist die Mitgliedschaft kostenpflichtig? Müssen wir für den EPD-Anschluss Jahresgebühren entrichten oder wird er vom Staat finanziert? Welches sind die technischen Anforderungen, was müssen wir von unserem IT-Anbieter einfordern?

Mitte April 2020 muss das EPD in den Spitälern funktionieren. Sind sie mit der Vorbereitung auf Kurs?
Adrian Schmid: Die meisten sind am Werk. Fragt uns eine Institution, wann sie beginnen müsse, sagen wir jeweils: Sie haben hoffentlich vorgestern angefangen. Die Übergangsfrist von drei Jahren tönt lang, aber die Vorarbeit ist umfangreich und komplex. Die Spitäler müssen ihre internen IT-Systeme konsolidieren, damit alle relevanten Informationen über den einzelnen Patienten rechtzeitig und gebündelt für das EPD zur Verfügung stehen. Dann ist der Datentransfer nach aussen, die Verlinkung mit den anderen Leistungserbringern, zu gewährleisten. Dazu kommen Fragen zur internen Organisation wie: Wer bedient das Patientendossier? Alle Fachleute? Oder bezeichnete Stellen, die noch zu definieren sind? Wie werden die internen und externen Informationen digital zusammengeführt, damit sie für den behandelnden Arzt verfügbar sind? Je grösser das Spital, desto komplexer sind diese Fragestellungen.

Die Pflegeheime haben zwei Jahre länger Zeit. Sind sie also besser dran?
Adrian Schmid: Nicht unbedingt. Unter den Heimen gibt es viele Kleinbetriebe, die nicht digitalisiert sind. Institutionen mit 10, 15 oder 20 Betten dokumentieren oft noch auf Papier. Da steht zunächst die Umstellung auf Computer an. Anschliessend stellen sich ähnliche Fragen wie bei den Spitälern.

Was passiert, wenn ein Spital, ein Heim seine Frist nicht einhalten kann?
Adrian Schmid: Der Gesetzgeber hat keine zusätzliche Fristen vorgesehen. Grundsätzlich heisst es: Institutionen, die am 15. April 2020 respektive 15. April 2022 nicht an das EPD angeschlossen sind, können ihre Leistungen nicht mehr über das KVG abrechnen.

In welcher Phase befinden sich die regionalen Projekte?

Adrian Schmid: Die meisten sind im Entstehungsprozess, manche gibt es noch gar nicht. Jedes Projekt muss sich finden, sich organisatorische Strukturen geben, seine Kernbereiche definieren und ausarbeiten. Um als EPD-Gemeinschaft Daten mit anderen Gemeinschaften austauschen zu können, muss das Projekt erfolgreich zertifiziert sein. Die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür bieten grössere Herausforderungen als die technischen Lösungen, welche die Projekte natürlich ebenfalls bereitstellen müssen. Zertifizierungen finden frühestens ab Mitte 2018 statt, vielleicht sogar erst 2019.

Gibt es unter den regionalen Projekten ein «Vorzeigeobjekt»?
Adrian Schmid: Die Plattform «MonDossierMédical» im Kanton Genf ist seit 2013 im Einsatz und entspricht bereits zu vielleicht 80 Prozent den Vorgaben des EPD. Immer mehr Patienten und Leistungserbringer schliessen sich an. Inzwischen ist «MonDossierMédical» eine wichtige Referenz für andere Regionen. Aktuell sind wir daran, die Erfahrungen mit dem «MonDossierMédical» zu dokumentieren: Was funktioniert gut beziehungsweise hat von Anfang an funktioniert, welche Lösungen bewähren sich, in welchen Bereichen gab oder gibt es Schwierigkeiten, wo stellen sich Herausforderungen usw. Die Erkenntnisse werden wir den anderen regionalen Projekten zur Verfügung stellen.

Was für eHealth-Instrumente gibt es – nebst dem EPD – in der Schweiz noch?
Adrian Schmid: Bei der Bevölkerung verbreiten sich zunehmend die meist kommerziell betriebenen Apps wie Schrittzähler, Blutdruckmesser, Blutzuckermesser usw. Es gibt bereits erweiterte mobile Anwendungen, etwa für das digital gesteuerte Spritzen von Insulin. Zu gegebener Zeit sollen die Patienten die per App selber erhobenen Daten in ihrem EPD ablegen können. Allerdings stellen sich zahlreiche Fragen: Wem gehören die mobil erhobenen Daten? Wo liegen sie? Ist der Datenschutz sichergestellt? Stimmen die Messungen? Erst wenn solche Fragen geklärt sind, können eHealth und mHealth – mobile Health – sinnvoll miteinander vernetzt werden.»



Heime und Spitäler Ausgabe Dezember 5/2017