Im Alter mit Weitsicht wohnen


Was für ein Bild: Weit hinten glänzen die Berge, vor dem Haus liegt der Schübelweiher und dazwischen glitzert der Zürichsee. Es ist keine Fata Morgana, sondern der Blick aus einem Zimmer des Altersund Gesundheitszentrums Tägerhalde in Küsnacht. Für hohen Komfort und Energieeffizienz im Gebäude sorgt die intelligente, vernetzte Gebäudetechnik. Auch sie ist weder Illusion noch Zukunftsmusik, sondern zeigt, was heute machbar ist.


René Senn*

Das Alters- und Gesundheitszentrum Tägerhalde am Zürichsee wurde 2015 fertiggestellt. Mit seinen 99 modernen Einzelzimmern mit Dusche und Balkon, den elf Alterswohnungen, der geschützten Wohngruppe und einer betreuten Tagesstruktur erreicht es das Label Minergie ECO. Das ausgewogenen Ensemble, das aus zwei elegant verbundenen Gebäudeteilen besteht, fügt sich in die Umgebung ein und wurde so gebaut, dass die Bewohner die schöne Aussicht ungehindert geniessen können.

Gelungene Innenarchitektur und Kunst am Bau. Dank Minergie Eco und vernetzter Raumautomation ist der Komfort sehr gross. Links in der Decke das Lichtpanel mit der Tageslichtsimulation.

Kombination aus passiver und intelligenter Effizienz
Die kompakte Gebäudeform mit der gut wärmegedämmten Aussenhülle reduziert den Heizwärmebedarf beträchtlich. Die vorgelagerten Balkone schützen die Zimmer im Sommer vor zu grosser Erwärmung, wurden aber auch so konzipiert, dass die solaren Einträge in den Wintermonaten optimal genutzt werden können. Die sehr grosszügigen Fensteröffnungen lassen im gesamten Gebäude viel Tageslicht ein.

Die intelligente Gebäudetechnik basiert auf den physikalischen Eigenschaften des Gebäudes. Sie sorgt dafür, dass der Komfort für die Bewohner stimmt und die Energieeffizienz den heute üblichen sowie den Anforderungen der Energiestadt Küsnacht entspricht. Eine Beschattungsautomatik mit KNX, dem weltweiten Standard für Gebäudetechnik, steuert die Stoffmarkisen und sorgt für einen zusätzlichen sommerlichen Wärmeschutz: Sensoren erfassen die Strahlungswerte direkt an den Fassaden und steuern die zahlreichen Markisen sonnenstands- und fassadenabhängig. In Kürze wird für die Markisen auch ein Hagelschutz eingebaut, der mit Hilfe von Thomas Bucheli von SRF Meteo entwickelt wurde. Weil die Markisen über das flexible Bussystem KNX gesteuert werden, kann diese Sicherheitsmassnahme sehr einfach ins bestehende System integriert werden.

Wärmepumpen für die Heizung
Der Heizwärme- und Warmwasserbedarf wird über zwei Wärmepumpen mit gekoppeltem Erdsondenfeld gedeckt. Die Wärmepumpen nutzen auch die Abwärme der Kältemaschine, der Tumbler sowie der Technikräume. Dies ermöglicht vor allem in den Wintermonaten einen optimalen Betrieb und steigert die Energieeffizienz des Gebäudes zusätzlich. Denn jedes Grad, das in der Anergie-Wärme zur Verfügung steht, verbessert den Wirkungsgrad der Wärmepumpen. Das Energiekonzept verbindet hohen Komfort mit niedrigem Energieverbrauch, hoher Wirtschaftlichkeit sowie einem niedrigen Flächenverbrauch für die installierte Technik. Eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach deckt einen Teil des Stromverbrauchs. Die umfassende Infrastruktur mit Wäscherei, Küche und Cafeteria ermöglicht es, den produzierten Solarstrom vollständig selbst zu verbrauchen. Sämtliche Beleuchtungskörper sind in LED-Technologie ausgeführt. Die dimmbaren Leuchten werden ebenfalls mittels KNX und dem Sub-Bussystem DALI geschaltet und gedimmt. Dort, wo es Sinn macht, steuern Präsenzmelder das Licht und optimieren den Energieverbrauch zusätzlich. Ein besonderes Detail sind die Lichtfelder im Korridor. Sie simulieren das Tageslicht in Abhängigkeit der Tageszeit und schaffen biologisch wirksames Licht. Helligkeit und Farbtemperatur der Lichtfelder-LED werden so eingestellt, dass die Farbtemperatur dem Tageslicht zu diesem Zeitpunkt entspricht. Der Vergleich mit dem obersten Geschoss, wo Oberlichter mit realem Tageslicht für Helligkeit sorgen, und dem Geschoss darunter mit künstlichem Tageslicht ist wirklich sehr verblüffend.

Energieeffizienz und erfolgreiche Projekte sind immer auch das Resultat von Teamarbeit (v.l.n.r.; Guido Keller, Oberholzer AG; Riko Nesic, Gemeinde Küsnacht; Paolino Bossio, Burkhalter Technics, und Marco Savia, ABB Schweiz AG).

Vernetzte Technik aus einer Hand
Geplant waren zu Beginn zwei Bussysteme, eines für Licht und Jalousie und eines für Heizung, Klima und Lüftung. Dank dem Engagement von Burkhalter Technics konnten die beiden Bussysteme auf eines reduziert werden. So steuert das KNXRaumautomationssystem von ABB Schweiz AG in Kombination mit dem Leitsystem sämtliche haustechnischen Anlagen. Dies bedeutet eine grosse Erleichterung für die Bauherrschaft, weil bei der Realisierung nur ein Ansprechpartner konsultiert werden musste und im täglichen Betrieb nur eine Firma ein System warten muss. Ein sogenanntes IP-Gateway verknüpft das KNX-Bussystem mit dem Leitsystem der Haustechnik. Es verbindet das zweiadrige KNX-Buskabel aller Fühler, Sensoren und Aktoren mit einem eigenen technischen Netzwerk, an das das Leitsystem sowie weitere Anlagen angeschlossen sind.

Technikraum: Aktoren steuern das Licht und den Sonnenschutz, abhängig von der Temperatur, Jahreszeit oder der Anwesenheit von Personen.

Zentrales, dezentral organisiertes Element
Zentral für die Energieeffizienz eines Gebäudes ist die dezentral organisierte Raumautomation. Die Zimmer der Bewohner werden über Fühler, Sensoren und Taster gesteuert. Zwei Lichtgruppen, ein Sonnenschutz sowie die «Bodenheizung», die im Winter heizen und im Sommer kühlen kann, werden über Aktoren und Stellglieder angesteuert. Die Bodenheizung ist so ausgelegt, dass sie im Winter den nötigen Wärmebedarf zur Verfügung stellt und im Sommer zum Kühlen des Raumes verwendet werden kann. Rund 200 solcher Einzelraumregelungen wurden realisiert. Ein Taster steuert das Licht und den Sonnenschutz, die Temperatur und Luftqualität werden mit Hilfe von busfähigen Sensoren erfasst. Alle diese Geräte sind mit dem KNX-Bussystem verbunden. Die gesammelten Informationen werden über das Buskabel transportiert und mit dem bereits erwähnten Gateway an das Leitsystem übermittelt.

Mit Hilfe der Vernetzung und den Informationen der dezentralen Luftqualitätsfühler kann auch die Lüftung sehr energieeffizient geregelt werden. Sie läuft bedarfsabhängig und druckgeregelt, angetrieben von energieeffizienten Gleichstrommotoren (sogenannten ECMotoren). Damit dies bedarfsabhängig funktioniert, erhält diese Regelung die Werte der oben erwähnten CO2- und VOCFühler aus den verschiedenen Räumen. So wird die effektiv nötige Luftmenge nach Bedarf im ganzen Gebäude sehr energieeffizient produziert. In den öffentlichen Bereichen wurde zusätzlich ein Kälteregister im Zuluftkreis eingebaut, das im Sommer eine leichte Reduktion der Temperatur der Zuluft ermöglicht. Es ist keine Klimaanlage, aber bewirkt eine Senkung der Temperatur um ca. 2 Grad, was die Bewohner als angenehm empfinden.

Visualisiertes Leitsystem zur Kontrolle
Das Leitsystem wird auf einem Monitor visualisiert. Darauf werden dank der Vernetzung jeder Status, die Soll- und Istwerte zum Beispiel von Zimmertemperaturen sowie die Stellgrössen von Ventilen angezeigt und können kontrolliert werden. Dies ist für den Unterhalt sehr vorteilhaft, da das Gebäude und seine Funktionen für den technischen Dienst transparent werden. Natürlich lassen sich über die Visualisierung die Sollwerte für Heizen und Kühlen auch definieren.


Die Visualisierung bringt noch viele weitere Vorteile. Klickt man auf eine Störmeldung in der Übersicht, führt dies direkt zur Information auf der richtigen Seite innerhalb des Leitsystems. Dies vereinfacht die Fehlerlokalisierung. Zudem sind Handbücher und Anleitungen direkt in der Visualisierung hinterlegt, wodurch sie im Störungs- oder Servicefall direkt zur Hand sind. Der Technische Dienst schätzt dies sehr. Vor allem die Möglichkeit der Fernwartung hilft bei einem Störungsfall ausserhalb der Arbeitszeiten des Hausdienstes. «Das ist bequem und beruhigt mich sehr», meint Riko Nesic, der für die Haustechnik in der Tägerhalde zuständig ist. Die Alarme werden über das technische Netzwerk an das Telefoniesystem weitergeleitet, so dass sie auch auf dem DECT-Telefon visualisiert werden können. Aufgeschaltet wurden Alarme der Tiefkühler, Personen-Alarme sowie die technischen Alarme sämtlicher kritischer Haustechnikanlagen.

Energiemonitoring gegen Blindflug

Eine Energiestadt verlangt Angaben zum Energieverbrauch von Strom, Wasser, Brauchwarmwasser sowie zu den solaren Gewinnen. Deshalb sind im Alterswohnheim verschiedene Zähler eingebaut, die Messwerte erfassen und sammeln. Dank der Anbindung ans Leitsystem können ihre Werte zentral abgelesen werden. Falls ein Wert unüblich ausfällt, ist die Ursache dafür dank der Transparenz, die die vernetzte Technik bietet, sehr schnell gefunden.

*raum consulting



Heime und Spitäler Ausgabe Dezember 5/2017