Kreatives Spiel mit Aromen und Texturen


Aroma, Textur, Form und Farbe von Komponenten auf dem Teller lassen sich weitgehend beeinflussen. In der Care-Gastronomie ist dies besonders wichtig, um pürierter Kost attraktive sensorische Eigenschaften zu verleihen. Ein Kurs von Haco hat moderne Methoden zur Optimierung vermittelt.


Matthias Radtke*

Nicht nur der Geschmack, sondern auch die Textur lässt sich variieren, vor allem bei zusammengesetzten Komponenten. Wie man dies mit modernen Methoden erreicht, war das Thema eines Fachkurses von Haco. Die meisten Teilnehmer waren Heim- und Spitalköche, denn diese müssen mit besonderen Ernährungsformen täglich Herausforderungen bewältigen. Kursleiter Rolf Caviezel, früher Heimkoch, heute Buchautor und Inhaber der Beratungsfirma freestylecooking GmbH, erklärte diese Methoden, um Konsistenzen anzupassen für Senioren mit Kau- oder Schluckproblemen und bemerkte: «Die Care-Gastronomie ist hierfür der grössere Markt als die Gourmetgastronomie.»

Bei der Kreation von neuen Geschmacksrichtungen gibt es viele Konzepte. Eine generell wichtige Anforderung ist die Ausgewogenheit der süssen, salzigen, sauren, bitteren und umamiartigen Noten, welche die Zunge wahrnimmt. Süsse stumpft Säure und Bitterkeit ab, Fett tut dasselbe mit fettlöslichen Scharfstoffen, Umami und Salz wirken geschmacksverstärkend. Bei den Aromen, welche die Nase wahrnimmt, ist vor allem die Beliebtheit das Kriterium, welche individuell stark variieren kann.

Aromen mit Nebenwirkungen

Aromen beziehungsweise geschmackgebende Zutaten haben oft «Nebenwirkungen», die man gezielt einsetzen kann. Ein bekanntes Beispiel ist Zitronensaft zum panierten Schnitzel oder zu Fisch. Die Säure verändert nicht nur das Geschmacksprofil, sondern unterstützt auch die proteinabbauende Magensäure. Mit dezentem Fischgeschmack bildet die starke Säure zwar keine ideale Mariage, aber früher, bevor es Kühlschränke gab, überdeckte sie Verderbsaromen. Caviezel nannte weitere Effekte: Vanillin macht Rüebli oder Lachs angenehmer, Eugenol (Aromastoff der Gewürznelken) betäubt den Gaumen und überdeckt unangenehme Noten, Menthol kühlt und erfrischt, Zimtaldehyd wirkt beruhigend. Der Chilischarfstoff Capsaicin simuliert Wärme – Schärfe ist allerdings kein Aroma, sondern eine Schmerzempfindung. Weitere Nebeneffekte von aromatischen Zutaten können eine wichtige Rolle spielen: Kräuter stiften nicht nur Geschmack, sondern auch ein Gesundimage, und Trüffel verleihen nicht nur ihr typisches Aroma, sondern auch ein Edelimage.

Kursleiter Rolf Caviezel vermittelte wertvolle Tipps für die Praxis in Care-Küchen.

Auch die Konsistenz lässt sich kreativ verändern, so etwa bei Würsten, Terrinen und Mousses. Als Grundsatz erklärt Metzgerei-Fachlehrer Sascha Fliri: Je mehr Proteine das Rohmaterial besitzt, desto fester wird eine Wurst. Je mehr weiches Material wie wässerige oder fettreiche Zutaten man verarbeitet, desto weicher wird sie. Und man kann mit einfachen Methoden wurstähnliche Produkte herstellen, wozu nicht einmal immer ein Kutter oder ein Garapparat nötig ist, wie der Haco-Kurs demonstrierte. In modernen Küchen kommt der Pacojet zum Einsatz, ein mit dem Kutter vergleichbarer Küchenmixer, der feiner püriert als konventionelle Mixer und vor allem tiefgefrorene rohe oder gegarte Lebensmittel verarbeitet, ohne sie aufzutauen. Das Messer fährt durch die Charge hindurch und rotiert mit 2000 UpM. Es entsteht also wie beim Kutter eine Zwangsführung ans Messer. Man kann damit zum Beispiel Kalbsschulter oder Pouletbrust mit Rahm pürieren – alles gefroren. Der Koch verwendet das entstehende Brät als Farce oder formt und pochiert es.

Von Terrinen bis zu Mousse
Die traditionelle schnittfeste Wurst besitzt je nach Typ eine unterschiedliche Art von Konsistenz, in der Rheologie Gel genannt, im Küchenjargon Bindung. Die Brühwurst ist eine Wärme-gelierte Fleischemulsion aus roh pürierten Zutaten. Die durch Kochen koagulierten und vernetzten Proteine bilden das Gel. Bei der Rohwurst entsteht die Bindung ebenfalls durch Vernetzung des Proteins, das hier allerdings roh und gereift ist. Trocknungsgrad und Fettgehalt bestimmen die Konsistenz. Komplizierter ist die Kochwurst: eine wärme-gelierte Fleischemulsion aus mehrheitlich vorgekochten pürierten bindegewebereichen Zutaten, bindegewebearmes Pouletfleisch kann jedoch roh mitgemixt werden. Die Konsistenz variiert von viskos bis schnittfest (geliert) und wird teilweise durch koagulierte Proteine gebildet, aber vor allem durch erstarrtes Fett und Gelatine aus kollagenhaltigen Fleischteilen.

Die Terrine ist eine Variante der Kochwurst zum Kaltkonsum, beim Wärmen würde sie fast flüssig. Die Gelbildung sowohl von Brühwurst wie Kochwurst findet beim Garprozess statt, küchentechnisch betrachtet ein Pochierprozess. Einfacher ist die Machart eines Mousses: Fleisch oder Fisch wird vorgegart (Schinken, Pouletbrust, Lachs o.ä.) und mit aufgeschlagenem Rahm oder Quark sowie beliebigen aromatischen Zutaten püriert und durch Zusatz von Gelatine schnittfest gemacht. Vor dem Gelieren kann man die Masse zum Beispiel zu Rosetten formen und nach dem Gelieren in Tranchen oder Fantasieformen schneiden. Varianten sind möglich mit rohem Rauchlachs und rohem Eigelb. Auch ohne Garung wird Mousse schnittfest dank alleiniger Wirkung der Gelatine. Auch dieses Produkt muss kalt konsumiert werden wie jedes, das mit Gelatine geliert ist.

Zutaten für Beeinflussung der Konsistenz
Die einfache Machart des Mousse erlaubt, beinahe alle Arten von Zutaten zu verarbeiten, sofern sie keine proteinspaltenden Enzyme enthalten wie einige exotischen Früchte im rohen Zustand. Gelatine geliert zuverlässig bei genügend hohem Wassergehalt unabhängig vom Fett- oder Zuckergehalt und ist relativ robust gegenüber Säure. Eine noch einfachere Methode ist die Verwendung des Emmi-Produktes Qimiq, ein Rahm von 15 Prozent Milchfettgehalt und 1 Prozent gelöster Gelatine. Je nach Dosierung verdickt oder geliert das Convenience-Produkt und lässt sich sogar aufschlagen. Rohes püriertes Fleischprotein oder Hühnereiweiss koaguliert auch ohne weitere Zutaten beim Garen und wird schnittfest. Dies ist die Machart des japanischen Surimi aus püriertem Fischfilet, das man als Fischbrühwurst betrachten kann.

Die moderne Molekularküche arbeitet bei der Manipulation der Konsistenz mit Gelier- und Verdickungsmitteln, hier Texturgeber oder einfach «Texturen» genannt. Beispiele sind nebst Gelatine Hydrokolloide und Stärken, die Wasser binden und verdicken oder zu einer Gelierung führen, das heisst eine feste Fliessgrenze erzeugen. Einige wie Xanthan haben Instantcharakter. Sie lassen sich auch in heissen wässerigen Flüssigkeiten sofort lösen. Andere wie Maizena muss man zuerst kalt dispergieren. Haco bietet zur Handhabung von Hydrokolloiden einen Spezialkurs an.



Heime und Spitäler Ausgabe 3 August 2017