Nützliche Hilfsmittel für Pflegepersonal in Heimen


Smarte Technik kann die Sicherheit und Pflegequalität in Heimen erhöhen. Dadurch verringert sich der Pflegeaufwand deutlich.


Jürgen Schickinger

Technologie soll die Pflege verbessern und zugleich die Kostenexplosion bremsen. Die Zahl der Senioren in der Schweiz steigt beständig. Viele von ihnen sind heute pflegebedürftiger, wenn sie sich in Heime begeben. Der Aufwand nimmt zu, die Pflegeressourcen nehmen ab. Altersgerechte Assistenzsysteme für ein umgebungsunterstütztes Leben (AAL, engl. ambient assisted living) können das teilweise abfangen und stationäre Pflegebedürftigkeit hinauszögern. Einfache Beispiele sind elektronische Weglaufsperren, Schliess- und Zutrittsysteme. Anspruchsvoller sind zuverlässige Sturzdetektoren. «Die Forschung arbeitet etwa an Pflegerobotern und Toiletten, die Blutwerte im Urin messen», sagt Rolf Kistler von der Hochschule Luzern an. Dort entwickeln Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen intelligente Gebäude. Diese Bauwerke sparen Energie und erlauben mehr Sicherheit und Komfort. Kistlers Kollegin Kerstin Wessig, die auch Mitglied in der Altenberichtskommission der Bundesregierung von Deutschland ist, hebt hervor: «Technologieeinsatz kann die Pflege enorm erleichtern.» Das Potenzial ist riesig und lässt sich bereits nutzen.

Technische Hilfsmittel entlastet das Pflegepersonal, das dadurch wieder über mehr Zeit für die Pflege der Bewohner verfügt.

Pflegebedarf in Heimen optimal anpassen
Active Care aus Zug bietet beispielsweise funkgesteuerte Rufsysteme, Weglaufsperren, sprechende Agenden, Erinnerungssysteme sowie Sensoren für nasse Betten und Stürze an. «Funksysteme sind günstig und flexibel», sagt Ivan Zavagni, Leiter der Beratung bei Active Care. Das Unternehmen schneidet die Systeme auf Kundenbedürfnisse zu und kann sie etwa zur Erweiterung vorhandener Rufsysteme einbauen. Tragbare Sender für Patienten kosten um 160 Franken, Positionsmelder um 220, Türalarme um 360 und zentrale Empfänger mit Display für Pflegekräfte knapp 800 Franken. Sie sind Teile des TREX-Systems.

Beratung durch Spezialisten
Dieses erkennt, ob jemand stürzt, aufsteht, sich nicht mehr bewegt oder ein Gebäude verlässt. Es erfasst Epilepsie und Inkontinenz oder verhindert etwa, dass Menschen in «falsche» Räume eindringen. Das TREXDisplay zeigt an, was im Heim wann und wo passiert. Pflegekräfte wissen sofort, wie und wie schnell sie reagieren müssen. Diese Daten lassen sich speichern und auswerten: Wer läutet wie oft? Wie schnell kommt Hilfe? So kann man Pflegebedarf und -verfügbarkeit optimal anpassen. Bei Unfällen ist die Dokumentation der Abläufe oft hilfreich. Das Interesse an AAL ist laut Zavagni gross: «Unser Job besteht vorwiegend darin, über die Möglichkeiten aufzuklären.» Im gewerblichen Sektor ist Active Care erst wenige Jahre aktiv. «Aber wir arbeiten schon seit 15 Jahren mit der Invalidenversicherung in der Versorgung für elektronische Hilfsmittel zusammen», sagt Zavagni. «Wir wissen genau, was technisch machbar ist.» Aktuell herrsche die stärkste Nachfrage nach Weglaufsperren für Autisten und Menschen mit Demenz. Für Letztere hat Active Care etwa noch Uhren im Angebot, die Zeitdauern durch abnehmende Farbkreise visualisieren. Eine sprechende Agenda kann ein gespeicherte Termine ins Gedächtnis rufen. An die Einnahme von Tabletten erinnert der Careousel-Medikamentenspender. Active Care übernehme nur Hilfsmittel ins Sortiment, die im Alltag den geforderten Nutzen erbringen, sagt Ivan Zavagni. Er betont, dass die Technik trotz ihres hohen Standards nur Vorteile bringt, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird: «Dafür braucht es die Beratung von Spezialisten wie uns.»

So lässt sich das TREX-System einsetzen.

Neue Konzepte für Rollatoren
Am Luzerner iHomeLab untersucht man ebenfalls mobile Funksysteme. «Unser Ziel ist es, eine intelligente Umgebung zu schaffen, die beispielsweise in Bewegungen Muster und Veränderungen wahrnimmt und darauf reagiert», erklärt Rolf Kistler: Das Bad bemerkt selbst, wenn jemand eintritt oder stürzt. Dazu müssen Heimbewohner keine Sender tragen, die sie womöglich als abwertend oder unpraktisch empfinden. Weiter geht es am iHomeLab, das Alexander Klapproth leitet, um Kommunikation und Mobilität. Forscher arbeiten dort an neuen Konzepten für Rollatoren. Mit integrierten Navis lotsen diese sicher zur nächsten Toilette ohne Stufen. Outdoor-taugliche und motorisierte Rollatoren sollen das Image der klassischen Gehhilfen aufwerten und ihre Einsatzmöglichkeiten erweitern. Künftig werden Tablets oder TV-Geräte auch Videotelefonate mit Freunden und Angehörigen ermöglichen. Die Geräte präsentieren Veranstaltungsprogramme und erinnern an Events. «Pflegeroboter sind ebenfalls spannend», sagt Kistler. Das Thema werde enorm gefördert, so der gelernte Elektroingenieur: «Die Roboter sollen keine Pflegekräfte ersetzen. Aber selbst bis sie echte Haushaltshilfen sind, wird noch einige Zeit vergehen.»

Licht kann die Lebensqualität heben
Auf die Lebensqualität hat Licht grossen Einfluss: In Studien konnten geeignete Lichtelemente Gemeinschaftsräume beleben, die vorher fast verwaist waren. Am natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus orientiert sich chronobiologisches Licht. Es erhöht die Lebensqualität und stabilisiert Schlafphasen. Viele Alzheimer-Patienten ruhen nachts dann wieder regelmässig, was auch ihr Pflegepersonal entlastet. «Das Interesse an AAL-Lösungen steigt zusehend», sagt Kistler. Kommerzielle Systeme würden aber selten alle Bedürfnisse abdecken. Andere, wie Lichtanlagen, können kostspielig und komplex sein. «Zu einigen Systemen können wir Kosten-Nutzen-Analysen machen», sagt Kerstin Wessig. Das sei empfehlenswert, findet die Expertin: «Für eine Lichtdecke muss man beispielsweise mit 19 000 bis 28000 Franken rechnen.»