Geschicktes Management von Inkontinenz-Patienten


Pflegekräfte in Heimen und Spitälern investieren sehr viel Zeit in die Versorgung inkontinenter Menschen. Geschicktes Management kann die Pflege verbessern und den Aufwand senken.


Jürgen Schickinger

In manchen Seniorenheimen verlieren vier von fünf Bewohnern ungewollt Harn. Die Versorgung dieser Menschen nimmt laut Erhebungen 25 bis 50 Prozent der Dienstzeit aller Pflegekräfte in Anspruch. Ein erheblicher Teil dieses Aufwands kommt oft durch unpassende Inkontinenzprodukte und unflexibles Inkontinenzmanagement zustande. Breitere Sortimente und ein optimierter Umgang sollen Aufwendungen rund um die Inkontinenz um bis zu 40 Prozent senken können. Einige dieser Studien haben Unternehmen finanziert, die Inkontinenzprodukte herstellen. «Der grobe Grundtenor entspricht auch meiner Erfahrung», sagt Walter Holzschuh von der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Urologiepflege (SIGUP). Der eingetragene Verein, der seit 2001 existiert, ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation. «Unser Hauptziel sind pflegespezifische Fortbildungen», erklärt Holschuh, Leiter der Neuro-Urologie-Pflege im Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Er kennt den Kostendruck in Heimen. «Leider führt er oft zu falsch verstandenem Sparsinn», bedauert der Pflegefachmann. Statt kleiner Mengen vieler verschiedener Inkontinenzprodukte kauft man eher wenige in grossen Mengen, weil es billiger ist. «Sie passen dann nur einigen Betroffenen optimal, weil die Bedürfnisse sehr unterschiedlich sind», sagt Holzschuh.

Der richtige Umgang mit Inkontinenz kann bis zu 40 Prozent des Pflegeaufwandes senken. (Fotonachweis: Fotolia)

Kleine Sortimente verursachen oft Aufwand
Einige Einrichtungen setzen beispielsweise auf saugkräftige Einlagen. Die muss das Personal selten wechseln. Allerdings lösen feuchte Einlagen öfter Hautreizungen aus. Um die müssen sich Pflegekräfte ebenfalls kümmern. Ausserdem finden viele Betroffene nasse Einlagen unangenehm. Demente Menschen streifen sie womöglich sogar ab. Dann ist das Personal erneut gefordert. Solche Vorkommnisse verursachen oft zusätzlichen Arbeitsaufwand. Sie wiegen finanziell viel schwerer als die Kosten für Produkte: Diese machen üblicherweise nur etwa ein Prozent des Gesamthaushalts aus. «Individuell abgestimmtes Material ist von Vorteil», bestätigt Holzschuh. Es sollte das Spektrum der verlorenen Harnmengen abdecken. Die Produkte müssen so bequem und unauffällig sein, dass Betroffene sie akzeptieren. Stören kann schon, wenn Einlagen dick sind, rascheln, reiben oder sich unter den Hosen abzeichnen. Männer mögen häufig keine «Frauenprodukte». Demente Menschen sind oft mit Pants zufrieden, die wie Unterhosen tragbar sind. Selbstständige Senioren begrüssen leicht handhabbare Einlagen, die sie selbst wechseln können. Ihnen genügen tagsüber meist kleine Saugstärken, weil sie auch auf die Toilette gehen. Damit sich Wechsel weitgehend erübrigen, sind nachts grössere Einlagen günstig. Für Menschen, die nachts nur selten Harn verlieren, reichen Bettschutzunterlagen aus.

Wichtig ist Erfahrung im Umgang
Der Nutzen vielseitiger Sortimente verpufft aber, wenn Erfahrung im Umgang fehlt. «Niemand kann über alle Spezialgebiete Bescheid wissen», zeigt Holzschuh Verständnis. Wer jedoch die Stärken verschiedener Produkte kennt, kann auch beurteilen, woran es liegt, wenn Schwierigkeiten erscheinen. «Um häufige Probleme zu besprechen, können Heime einfach einmal Aussendienstmitarbeiter von Herstellern einladen», schlägt der Pflegefachmann vor. Für neutrale Informationen sei die SIGUP eine gute Anlaufstelle: «Wir bieten im Rahmen von Kongressen und Fachtagungen immer wieder Workshops zum Inkontinenzmanagement an.» Die Inhalte umfassen angepasste Lagerhaltung, Umgang mit Produkten und Produkteigenschaften. Zur Sprache kommt auch, wie eine Versorgung nach Bedarf, statt nach der Uhr, Kapazitäten schonen und Kosten sparen kann. Einen Tag dauern die Fortbildungen. Für SIGUP-Mitglieder kosten sie 60 Franken, für andere 100 Franken. «Pflegeheime können gerne bei uns nach den Terminen fragen und selbst Themen anregen», sagt Holzschuh, «Die Workshopinhalte sind leicht verständlich und auf die Pflege ausgerichtet.» Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Heimen und Spitälern sind willkommen. Ebenso können sich die Einrichtungen bei der SIGUP nach kompetenten Referenten für hausinterne Workshops erkundigen, sagt Walter Holzschuh: «Wir haben immer ein offenes Ohr für Anrufe, E-Mails und andere Anfragen.»

SIGUP Schweizerische Interessen gemeinschaft für Urologiepflege, www.sigup.ch, walter.holzschuh@paraplegie.ch