Bakterienfeindliche Oberflächen optimieren Hygiene


In Heimen und Spitälern gehört Wischen zum Alltag. Wischdesinfektion wirkt aber nur vier bis fünf Stunden. Danach vermehren sich Mikroorganismen wieder ungehemmt. Spezielle Beschichtungen hemmen das Wachstum von Keimen. Die Infektionsgefahr sinkt und teilweise auch der Reinigungsaufwand.


Jürgen Schickinger

Antimikrobielle Beschichtungen bekämpfen Keime rund um die Uhr, Tag für Tag. So verringert etwa der Pulverlack Polyflex PES Steridur II laut einem zertifizierten Institut das Wachstum gefährlicher Bakterienstämme um mehr als 99,9 Prozent. Er verhindert erheblich, dass sich Pilze ausbreiten und Gerüche entstehen. «Die Wirkung ist rund 50 Prozent besser als bei der Wischdesinfektion und dauerhaft», betont Michael Loretan vom Hersteller KABE Farben Karl Bubenhofer AG aus Gossau (SG). Polyflex PES Steridur II ist seit etwa drei Jahren im Handel. Deshalb fehlen noch Langzeitstudien. «Nach vorläufiger Einschätzung geht aber keine Wirkung verloren», sagt Loretan. Nur, dass jemand die extrem robuste Beschichtung abkratzt, könnte sich der Assistent Marketing- und Verkaufsleiter für Pulverlacke als Ausnahme vorstellen: «Das würde an Vandalismus grenzen.»

Weniger Reinigen schont die Umwelt
Der Pulverlack arbeitet mit elektrisch geladenen Metallteilchen – Silberionen. Sie blockieren einige Vorgänge in Mikroorganismen, die darum absterben. Ein deutsches Medizintechnikunternehmen beschichtet mit dem Pulverlack beispielsweise Möbel für OP-Säle im HNO-Bereich. «Dadurch verringert sich das Infektionsrisiko», sagt Loretan. «Es wird noch kleiner, wenn auch andere Gegenstände wie etwa Türgriffe beschichtet sind.» Selbst bei regelmässiger Reinigung wachsen auf herkömmlichen Türklinken mehr Mikroben als auf antimikrobiell beschichteten, die nicht gesäubert werden. «Die Flächen lassen sich mit üblichen Mitteln reinigen, brauchen aber weniger Pflege», erklärt der Fachmann. Der Aufwand sinkt und ebenso die Umweltbelastung. Polyflex PES Steridur II eignet sich für alle Metallflächen. Die Einzelteile kommen zu Beschichtungsbetrieben, wo sie zuerst vorbehandelt werden. Danach findet die Pulverlack-Beschichtung statt. Abschliessend erfolgt das Einbrennen. Türgriffe sind nach rund einer Stunde fertig, grössere Flächen nach ein, zwei oder drei Tagen. Die reinen Materialkosten liegen zwischen 40 bis 50 Franken pro Kilogramm. Nach amerikanischen und europäischen Richtlinien ist der Pulverlack auch für Einsätze auf Flächen zugelassen, die Kontakt zu trockenen Lebensmitteln haben.

Mit Elektrostatikpistolen tragen Facharbeiter in Beschichtungsbetrieben den bakterienfeindlichen Pulverlack Polyflex PES Steridur II auf Metallteile auf.

Inhaltsstoffe wirken Jahrzehnte
Einfach vor Ort lässt sich MF3000 AB60 anbringen, die antimikrobielle Beschichtung der Fresco technical solutions GmbH aus Rapperswil-Jona. «Man kann sie aufsprühen oder mit einem Mikrofasertuch auftragen», erzählt Fresco-Geschäftsführer und -Inhaber Martin Bodmer. Überflüssiges Material wird noch wegpoliert, bevor die Beschichtung auf Siloxan-Basis aushärten muss. «Am besten über Nacht, aber fünf bis sechs Stunden genügen auch», erklärt Bodmer. Wichtig ist hier die Vorreinigung: Die Flächen müssen sauber und fettfrei sein. Nach theoretischen Berechnungen, wirken die Inhaltsstoffe der Beschichtung dann 37 Jahre. «Unter normalen Bedingungen hält die schmutzabweisende Schicht zwei bis drei Jahre», sagt Bodmer. Das Beschichtungsmaterial schlägt mit etwa 10 Franken pro Quadratmeter Fläche zu Buche.

Infektionsrisiko nimmt ab
MF3000 AB60 arbeitet mit Silber-Nanopartikeln. Ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit hat ein unabhängiges, europäisches Forschungsprojekt festgestellt (licara.eu). In der EU besitzt Nanosilber eine Zulassung für Flächen mit Kontakten zu Lebensmitteln. Daran wird sich das Bundesamt für Gesundheit halten. Bodmer rechnet für September mit der Freigabe in der Schweiz: «Das ist lediglich ein administrativer Prozess.» Die winzig kleinen Nanopartikel geben mehr Ionen ab und sollen Mikroben effizienter abtöten. Nach internationalen Prüfmethoden nimmt die Keimlast auf den beschichteten Flächen deutlich ab. «Das Infektionsrisiko wird kleiner und die Sicherheit erhöht sich», fasst Bodmer zusammen. MF3000 AB60 eignet sich ideal für Aluminium, Kunststoffe, Keramik und geschliffene, glatte Edelstahlflächen. Das optimale Einsatzgebiet sieht Martin Bodmer in den Bereichen von Heimen und Spitälern, wo Besucher und Patienten oder Bewohner zusammentreffen – in Cafés, Kantinen, auf zugehörigen Toiletten, an Türgriffen und Handläufen. Dann hätten es Keime von aussen viel schwerer, im Innern Unheil anzurichten.